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2 (1902) Die Theorie der kapitalistischen Entwicklung : mit Register über Band 1 und 2
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Zehntes Kapitel. Die Genesis der kapitalistischen Stadt. 201

grofser Teil der Erörterungen in der volkswirtschaftlichen Litteraturdes 18. Jahrhunderts der Diskussion über die volkswirtschaftlichzweckmäfsigste Art, die Grundrente zu verausgaben, gewidmet ist.Denn nichts anderes haben doch wohl die zahllosen Schriften undKapitel über denLuxus zum Inhalt, die, wie bekannt, dienationalökonomische Litteratur des 18. Jahrhunderts ebensocharakterisieren wie die Traktate über die Bevölkerung.

Da nun aber die Verausgabung jener volkswirtschaftlich sowichtigen Quote des Nationaleinkommens in den Städten, vornehmlichin den Grofsstädten erfolgte, so verquickt sich die Luxusfrage mitder Grofsstadtfrage : fast alle Luxusschriftsteller dehnen ihre Unter-suchung auf die Erörterung des Problems aus: was macht dieStädte so volkreich? was lebt in den Städten? wofür werden dieEinkommen der Reichen daselbst verausgabt? wie wirkt die Artder Verausgabung auf den Gang der Volkswirtschaft? 1 Sodafs wireine im Grunde viel geistvollere Litteratur über die volkswirtschaft-liche Bedeutung der Grofsstädte aus jener als aus unserer Zeit be-sitzen, mafsen im achtzehnten Jahrhundert unstreitig mehr gescheiteKerle Nationalökonomie traktiert haben als im neunzehnten.

Dadurch aber werden wir in den Stand gesetzt, uns ein zumGreifen deutliches Bild von dem Wesen der frühkapitalistischenGrofsstadt im 18. Jahrhundert zu machen, das durch zahl-reiche Sonderbelege noch in die Einzelheiten ausgezeichnet werdenkann. Überall finden wir als die eigentlich städtebildenden Faktorendie oben genannten wieder: Grundrentner und Staatsrentner, letztereals Hof nebst Höflingen und Beamte oder als Staatsgläubiger bezw.von der Führung der Staatskreditgeschäfte sich bereichernde Grofs-finanzler 2 . Um diese Trias, zu der sich natürlich als Vierter imBunde der früheste der modernen Städtebildner, der reicher werdende

1 Siehe den Exkurs I zu diesem Kapitel.

2 Am Ende des 18. Jahrhunderts (1785/89) betrug die Staatsschuld inEngland schon 4800 Mill. Mk., in Frankreich 1500 Mill. Mk., in den Nieder-landen 1500 Mill. Mk., in diesen kapitalistisch führenden Ländern zusammenalso 7800 Mill. Mk., dagegen in allen übrigen europäischen Staaten insgesamterst 2494 Mill. Mk. Ygl. ArtikelStaatsschulden im H.St. Y, 844. Im London des 17. Jahrhunderts herrschte schon ein reger Kreditverkehr. Welche ßar-summen flüssig gemacht werden konnten in kurzer Zeit, beweist die Tliatsacliez. B., daft das Aktienkapital der Bank of England (1200900 £) vom 21. Junibis 2. Juli 1694 vollgezeichnet wurde. Ygl. über dieses uud ähnliche Vor-kommnisse : Reg.R. Sharpe, London and the Kingdom. Vol. II (1894). Dasdreibändige Werk ist eine sehr fleifsige, urkundliche Geschichte der StadtLondon .