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herausgearbeitet, weil er ihrer Theorie als Stütze dienen soll, wirdaber auch von so vielen nicht orthodox-physiokratischen Schrift-stellern übernommen, dafs der obige Schlufs gestattet sein dürfte:diese Theorie sei ein Abbild dör ^tatsächlichen Entwicklung.
Die Richtigkeit dieser Hypothese wird aber aufser allen Zweifelgestellt, sobald wir die Schilderungen lesen, die wir über diesociale Struktur der beiden Grofsstädte des 18. Jahr-hunderts, Paris und London, besitzen, ln der Gleichförmigkeitder Entwicklung, die beide Metropolen bis zum Ausgang des18. Jahrhunderts nehmen, liegt übrigens auch ein vollgültiger Be-weis dafür, dafs es nicht zufällig nationalhistorische Eigenarten,sondern die in dem Wesen der kapitalistischen Wirtschaft gelegenenBedingungen sind, die das Phänomen der modernen Grofsstadt zuersterzeugen, das dann in späteren Stadien der kapitalistischen Ent-wicklung in ganz anderer Weise zu Tage treten kann.
London Ende des 17., Anfang des 18. Jahrhunderts „is themighty Rendez-vous of Nobilty, Gentry , Courtiers, Divines, Lawyes,Physicians, Merchants, Seamen and all kind of excellent Artificers,of the most refined Wits and most excellent Beauties“ 1 . Stadt-bildende Kraft der Staatsschulden: „national debts cause a mightyconfluence of people and riches to the Capital, by the great sumslevied in the provinces to pay the interests“ 2 3 * . Aber die Haupt-faktoren bleiben doch neben dem Handel die Grundrentner: dafsletztere in so grofsen Mengen in London zusammenströmen, hatdessen Gröfse bewirkt 8 . Die besten Stadtteile sind von Palästendes Landadels eingenommen; entweder in der Stadt selbst oder inder nächsten Umgebung.
Paris ist viel länger als London die Stadt nur der Höflingeund des Adels. Noch am Ende des 17. Jahrhunderts erstaunt sichLa Bruyere * über den zunehmenden Luxus der Bourgeois, die esden „nobles“ gleich thun wollen. Aber die Verschmelzung deslanded and monied interest hat doch schon begonnen: „si le financiermanque son coup, les courtisans disent de lui: c’est un bourgeois,un homme de rien, un malotru; s’il röussit, ils lui demandent satille!“ Und der Verfasser des Ami des Hommes, der ältere Mirabeau,kann schon ausrufen: „Qui eüt dit autrefois a la Noblesse Fran-
1 Edw. Cliamberlayne, The second part of the Present State of Eng-land . 13. ed. 1687. p. 200.
2 D. Hume, Essays 2, 114.
3 Vgl. Exkurs II zu diesem Kapitel.
•* La Bruyfere, Les caracteres; ed. Garnier Frferes. Paris o. J., 156.