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2 (1902) Die Theorie der kapitalistischen Entwicklung : mit Register über Band 1 und 2
Entstehung
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Zehntes Kapitel. Die Genesis der kapitalistischen Stadt. 217

Militär, und ferner für den Handels- und Kreditverkehr der Um-gegend abzugeben, so wird das Tempo ihrer Ausweitung einimmer rascheres: die aus kleinen Anfängen erwachsene primäreIndustriestadt hat die Bahn derGrofsstadt beschritten. Vertreterdieses Typus sind beispielsweise die oben genannten grofsen eng-lischen Industriecentren, in Deutschland von den aufgezähltenStädten etwa Aachen, Barmen-Elberfeld, Crefeld, Chemnitz, Dort-mund, Düsseldorf , Essen.

Ich nannte die bisher betrachteten Industriestädte primäre, weiles die Industrie ist, die sie schafft. Aus bestimmten Zweckmäfsig-keitserwägungen heraus, die aber mit der Existenz einer bestehendenMenschenanhäufung noch nicht rechnen, gruppieren sich industrielleEtablissements um einen Mittelpunkt; das Ergebnis ist dann dieStadt. Anders in jenen Fällen, wo eine städtische Ansiedlung bereitsvorhanden ist, die aus anderen Quellen als denen der industriellenThätigkeit ihren Unterhalt zieht, und nun die bestehende Stadt zumStandort für industrielle Anlagen gewählt wird, durch die dannaber wiederum die Existenzbasis der Stadt ausgeweitet wird. Auchhier wird die kapitalistische Industrie städtebildend, auch solcheStädte, wenn die von der Industrie unterhaltene Bevölkerung ersteinen beträchtlichen Teil der Gesamtbevölkerung ausmacht, sindnach einer Seite hin Industriestädte: zum Unterschiede von derersteren Kategorie nenne ich sie sekundäre Industriestädte.

Die Frage: welchen Ursachen sie ihr Dasein verdanken, istdie Frage: weshalb industrielle Thätigkeit in der Stadt (meist istes eine Grofsstadt von vornherein) betrieben wird, ist also ein Teilder Frage nach dem Standort der Gewerbe 1 . Sehr viele derheute in unseren Grofsstädten betriebenen Industrien sind in einer

1 Die Litteratur über dieses wichtige Problem liegt wer möchte sichwundern? sehr im Argen. Seit James Stewart hat die Theorie wesentlichnur der geniale Thünen gefördert. Seine Untersuchungen beziehen sich aber, wiebekannt, nur auf die landwirtschaftliche Produktion. Eine Menge Material istwohl seit Stewart angehäuft, aber ist es auch verarbeitet? Kann man wirklichdie Bezeichnung Theorie auf die in ihrer Art geistvollen BemerkungenB,oschers anwenden? Und hätte Schäffle seine feinsinnigen Ausführungen(Ges. Syst. 3. Aufl. 1873. 2, 274 ff.) nicht mehr durchdenken müssen, damitsie uns die Erkenntnis schufen, die sie verdienten? Von den beiden genanntenSchriftstellern sind alle neueren abhängig. Dafs übrigens gerade derjenigeTeil ihrer Erörterungen, der sich auf die Großstadt als Standort bezieht,durch die neuere Entwicklung überholt ist, ist nicht ihre Schuld. Das imText Gebotene ist auch nur als eine Skizze zu betrachten, da die Frage indiesem Zusammenhänge nicht ex professo zu erörtern ist.