218 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens.
weit zurückliegenden Zeit entstanden. Wichtige der Berliner Grofs-industrien datieren aus dem 18. Jahrhundert, die meisten aus denletzten Jahrzehnten vor der Mitte des 19. Jahrhunderts, dasselbegilt von den Wiener, den Pariser und anderen grofsstädtischenIndustrien. Wollen wir also ihren Existenzbedingungen nachgehen,so müssen wir fragen: was hat (damals) ihren Standort bestimmt?Antwort: mancherlei, nioht zum wenigsten aber dasjenige, was wirZufall nennen müssen. Dahin rechne ich die Züchtung solcherIndustrien mittels fremdländischer Kolonisten, wie es z. B. für dieBerliner Textilindustrie gilt, oder die Entstehung einer kapitalistischen Industrie aus einem Handwerk, wie wir es hei vielen Berliner'MetallWarenindustrien beobachten und ähnliches.
Uns interessieren, nur diejenigen Gründe, die zu der Wahl desStandorts aus Zweckmäfsigkeitsrücksichten geführt haben, also dierationalistischen Erwägungen. Deren sind hauptsächlich folgendenamhaft zu machen: die grofse Stadt erschien dem Unternehmervorteilhaft als Standort industrieller Thätigkeit
1. wegen der Nähe der Handels- und Kreditunternehmungen;.
2. wegen der Sicherheit, hochqualifizierte Arbeiter am Platzezu finden 1 ;
3. wegen der Nähe wissenschaftlicher und technischer Hilfs-kräfte ;
4. wegen des Angebots besonders billiger Arbeitskräfte.
Ein grofser Teil dieser Gründe hat nun aber heute, sei es in-folge der zunehmenden Intensität der kapitalistischen Wirtschafts-weise, sei es insbesondere dank der Vervollkommnung unsererTransporttechnik, seine Bedeutung verloren. Die auch aufserhalbder Grofsstädte zunehmende städtische Kultur hebt das Niveau derArbeiterbevölkerung so sehr, dafs auch in kleineren Orten qualificierteArbeiter in grofser Menge gefunden werden; das Telephon undder Telegraph haben die Verbindung mit den Handels- und Bank-firmen der Grofsstädte so erleichert, dafs eine sofortige Ver-ständigung auf grofse Entfernungen möglich ist; wenn aber nichtzwischen den Handelsfirmen und der industriellen Unternehmung,,so zwischen deren Fabrikbetriebe und ihrem geschäftlichen Komptoir,ihrer Verkaufsstelle, die sie in der Grofsstadt unterhält.
4 Oder überhaupt Arbeiter in genügender Menge, So führt noch Marioals specifisch städtischen Industriezweig den Maschinenbau an, weil er einen„außergewöhnlich grofsen Betrieb erheische“. K. Mario, Untersuchungenüber die Organisation der Arbeit. Neue Ausgabe. Bd. III. (1898), S. 404.Geschrieben 1856.