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Es darf also ohne Zweifel als eine allgemeine Tendenz derneueren Entwicklung angesehen werden, dafs in dem Mafse, wiedie grofsen Städte aufgehört haben, eine besonders starke An-ziehungskraft auf die Industrien auszuüben, diese wenn nicht aufdas platte Land, so in kleinere Städte hinausgehen werden. Ganzverkehrt aber wäre es, aus dieser Tendenz auf eine Abnahme derAgglomerationstendenz im allgemeinen oder auch nur des Grofs-stadtwachstums schliefsen zu wollen. Das Gegenteil ist richtig.Während nämlich auf der einen Seite die Auswanderung derIndustrie aus den Grofsstädten u. s. w. insofern städtebildend wirkt,als die Entwicklung primärer Industriestädte wiederum mehr alsbisher gefördert wird, nimmt auf der andern Seite die Zahl derGründe täglich zu, die auf eine weitere Vergröfserung der grofsenund gröfsesten Städte hindrängen. Mit wachsender Intensität undExtensität des Kapitalismus tritt nämlich mit Notwendigkeit eineKonzentration der Bezüge eines immer gröfseren Teilsdes volkswirtschaftlichen Mehrwerts in den Centren desmodernen Verkehrs und das sind die gröfsten Städte, ein: die Grofs-stadt wird wieder in zunehmendem Mafse Konsumtionscentrum.
Und zwar infolge:
r 1. der wachsenden Bedeutung des Kredits für das Wirtschafts
leben und der Konzentration seiner Funktionäre in den grofs-städtischen Geschäften;
2. der zunehmenden Beteiligung der grofsen Kreditgeschäfte anindustriellen Unternehmungen; Finanzierung durch die potentenBankhäuser etc. 1 ;
3. der zunehmenden Konsumtion von anderswo erworbenemVermögen, d. h. also wiederum Mehrwertanteilen, in den Städten: esbildet sich ein industrielles Rentnertum in den hochkapitalistischenGrofssädten aus und wird hier tonangebend, wie weiland dasagrarische Rentnertum in den frühkapitalistischen Kapitalen.
So werden wiederum eine Reihe neuer Thatsachen geschaffen,
► 1 Im Jahre 1899 entfielen hei den 11 grofsen Berliner Banken von dem
Gesamthruttogewinn im Betrage von 129 Mill. Mk. 20,9 Mill. Mk. auf dasEffekten- und Konsortialkonto. Ernst Ileinemann, Die Berliner Grofs-banken an der Wende des Jahrhunderts in Jahrbüchern für N. Ö. III. F. 20,89. Derselbe Autor weist mit Hecht auf die Tendenz einer Konzentration dermodernen Aktiengesellschaften, insbesondere Grofsbanken, in den Händeneinzelner hin, weshalb wir wohl zu dem Schlüsse berechtigt sind, dessenRichtigkeit auch die Erfahrung des täglichen Lehens bestätigt, dafs der beiweitem gröfste Teil jener Bankühersclnisse auch in Berlin verzehrt wird.