258 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens.
Mitte des 19. Jahrhunderts lebten. Wo ehedem Not und Elendständige Gäste waren, ist heute ein knappes Auskommen, eine not-dürftige Bestreitung des Unterhalts die Regel: in den grofsen Massender Bevölkerung in Stadt und Land, die insbesondere als Käufergewerblicher Erzeugnisse überhaupt erst während des letztenMenschenalters auf dem Markte erscheinen. In Kreisen, wo Schmal-hans Küchenmeister war, als der Grofsvater die Grofsmutter nahm,herrscht heute eine wohlhäbige Lebensführung: in den breiten r
Mittelschichten, vor allem der Städte, bis hinauf in die Sphären des„gebildeten Bürgertums“, die Geheimräts- und Professorenfamilien.
Und wo man ehedem ein gutes Auskommen fand, mehr aber nicht,wo die Lebensführung bürgerlich solide, aber nach unseren Begriffeneinfach bis dürftig war, sind heute der Reichtum, die Pracht, dieÜppigkeit zu Hause: in den Kreisen der Bourgeoisie bis hinüberund hinunter in die Schichten der liberalen Berufe, der höherenBeamten, der ersten Künstler, Arzte, Rechtsanwälte etc. Was manauch so ausdrücken kann: vor fünfzig Jahren gab es beispielsweisein Deutschland aufser den grofsen, vorwiegend adligen Gutsbesitzernund einer Hand voll Bankiers und Grofsindustrieller überhauptkeine reichen Leute; bürgerlicher Reichtum ist erst das Erzeugnisder letzten Menschenalter. Auf der anderen Seite ist das Phänomen .
kaufkräftiger Massen ebenfalls erst im vergangenen Jahrhundert auf-getaucht: noch vor fünfzig Jahren reichte — wiederum insbesonderefür den Bedarf an gewerblichen Erzeugnissen — die Konsumtions-kraft nicht unter das Niveau des sog. Mittelstandes herunter. DieseSätze versuche ich nun im folgenden durch einige thatsächliche Belegein ihrer Richtigkeit zu erweisen. Ich wähle Deutschland als Bei-spiel, weil hier die Entwicklung zum Reichtum besonders deutlichist, dieses Land seltsamer Weise aber fast nie bisher die Behand-lung erfahren hat, wie andere Länder, z. B. England.
Alle Berichte, die uns das Leben auch in den wohl-habenderen Familien der Zeit vor fünfzig, sechzig Jahrenschildern, stimmen darin überein, dafs „Einfachheit“ sein hervor-stechender Charakterzug war. Am ehesten mag noch die Nahrungunseren heutigen Begriffen entsprochen haben. Obwohl ich beispiels- r
weise, als ich neulich die Haushaltungsbücher meiner Mutter ausden 1840er Jahren durchblätterte, zu meinem Erstaunen doch nuretwa drei- bis viermal in der Woche die Fleischausgabe (1 PfundRind- oder Kalbfleisch 2 1 /* Sgr., 1 Pfund Schweinefleisch 3 Sgr.)verzeichnet fand, d. h. in einem Haushalt von solchem socialemNiveau, auf dem heute mindestens zweimal täglich Fleisch gegessen
)