Dreizehntes Kapitel. Die Ausweitung des Konsums. 2(35
Es ist gerade das charakteristische, dafs es sich hei dem Hand-werkerelend jener Tage nicht etwa nur um die schwierige Lage derVertreter einer rückständigen Wirtschaftsform handelt, sondern umden partiellen Ausdruck einer allgemeinen Notlage. Der Hungerschleicht durch das Land. Und in seinem Gefolge das ganzeHeer seiner fürchterlichen Trabanten: die Hungerrevolten (Weber-aufstände!), die Hungerepidemien (Hungertyphus in Oberschlesien! ).„Man braucht nur flüchtig die Zeitungen zu durchlesen“, schreibtein Beobachter jener Tage, „um sich von der überall steigendenNot zu überzeugen . . . Ein Jahr ist wieder dahingegangen, einJahr, reich an Not und Elend 1 . . .“ „Die Not der arbeitendenKlassen ist eine unbestreitbare Thatsache, eine überall zugestandeneKrankheit der Zeit“, meint ein anderer gewifs nicht im Verdachtrevolutionär gehässiger Gesinnung stehender zeitgenössischer Schrift-steller 2 3 . Und wie die Schatten des Elends sich allerorten nieder-senken: „Der Notstand in unserer Provinz wird von Tag zu Tagempfindlicher . . . Die Kartoffelkrankheit greift auch immer mehrum sich.“ Elend und Mangel herrschen auf dem Thüringer Walde:„Wie vielen Tausenden hat nicht die unselige Kartoffelseuche ihreeinzige letzte Nahrung geraubt 4 * .“ „Uber die hiesige Brückepassieren täglich Scharen von armen Männern, zum Teil mitWeibern und Kindern, deren Äufseres den höchsten Grad derDürftigkeit bekundet, in welchem diese Unglücklichen, die aus demHochwalde und weiter her kommen, sich befinden. Diese arm-seligen , ganz zerlumpten Gestalten wandern nach Frankreich aus . . . Ihrer Aussage nach werden noch sehr viele aus ihrerGegend nachfolgen 6 .“
Wollte aber noch jemand zweifeln, dafs wir es hier mit einerüber das ganze Land und breite Schichten der Bevölkerung .gleicli-mäfsig verbreiteten Notlage zu thun haben, so würden wir ihnhinweisen auf eine Reihe anderer Symptome, die jene Allgemeinheitdes Elends völlig evident machen.
Ich denke vor allem an die mannigfachen litterarischen
1 Fr. Schnake, Die gegenwärtige Not und der Wucher (Gesellschafts-spiegel II, 73).
2 Hermann Graf zu Dohna , Die freien Arbeiter im preufsischen Staat.1847. S. 3.
3 Bericht aus Ostpreufsen (Gesellschaftsspiegel II, 20 [Nachrichten]).
4 Ebenda S. 34.
6 Das ist ein Nachtbild jener Zeit aus dem sonnigen Mosellande. Der