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2 (1902) Die Theorie der kapitalistischen Entwicklung : mit Register über Band 1 und 2
Entstehung
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269
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Dreizehntes Kapitel. Die Ausweitung des Konsums.

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obachtet, der wird ebenso sehr an die Mächtigkeit und Verbreitungjener mittleren, im ganzen wohlhäbigen Existenzen glauben müssen,wie der an der gewaltigen Entfaltung und immer gröfseren Aus-dehnung von Reichtum zu glauben genötigt ist, der etwa die Rück-kehr von dem Derby in Hamburg oder Wien zu beobachten Ge-legenheit hat. Und wer Sonntag Nachmittag in die Hasenheide odernach Pankow hinauspilgert, der weifs auch, dafs die furchtbarenZeiten der Not und des Elends für die breiten Schichten des Pro-letariats vorüber sind. Man wolle mich nicht mifsverstehen, als obich hier Hymnen auf die moderne Entwicklung und ihre Segnungenfür die Arbeiterschaft singen wollte. Nichts liegt mir ferner. Voneiner Wertung jener Wandlung ist hier überhaupt noch nicht dieRede. Nur die dürre Thatsache soll konstatiert werden, konstatiertzunächst mit Hilfe der Anschauung des unbefangenen Beobachters,also mittels einer ganz und garunwissenschaftlichen Methode: dafsauch die breiten Volksmassen, die untersten Schichten der Be-völkerung im grofsen Ganzen auf einer höheren Stufe der Wohl-habenheit stehen als vor 50 Jahren und damit (das ist die Pointe)als Konsumenten, namentlich wiederum, worauf es in erster Liniehier ankommt, gewerblicher Erzeugnisse heute eine ganz andereRolle spielen als früher. Von wirklicher Not hören wir heuteweniger als vor 50 Jahren: trotz Krisen und anderen Erwerbs-störungen, darüber kann kein Zweifel herrschen.

Zum Überflufs will ich aber das eben Ausgeführte nun auchnoch, soweit es angängig ist, ziffernmäfsig zu belegen versuchen.Das ist mit Hilfe der Steuerstatistik in der That bis zueinem gewissen Grade möglich.

Die Einkommensverteilung interessiert uns an dieser Stelle,wie ich noch einmal hervorheben möchte, ausschliefslich unter demGesichtspunkte der durch sie zum Ausdruck gebrachten Konsum-fähigkeit. Es kommt deshalb vor allem darauf an, nachzuweisen,in welchem Umfange sich das Quantum der zahlungsfähigenNachfrage sei es nach Luxusgegenständen, sei es nach Mittel-ware, sei es nach billigen Massenartikeln vergröfsert hat. DieFrage der Anteilsverschiebung der verschiedenen Einkommens-kategorien am Gesamteinkommen steht deshalb im Hintergründe.

Um eine thunlichst exakte Vergleichung möglichst weit aus-einanderliegender Epochen zu ermöglichen, habe ich es vorgezogen,den Entwickelungsgang der Einkommensverteilung zunächst füreinzelne Städte zu verfolgen, und zwar wähle ich als BeispieleKöln, Aachen, Düsseldorf, Berlin und Breslau.