Fünfzehntes Kapitel. Die Verfeinerung des Bedarfs.
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Schilde des „Luxus “ ausgefocliten wurde. Man bestrebte sich, denWirkungen der Luxuskonsumtion auf die Gestaltung des Wirtschafts-lebens nachzugehen und brachte dabei immerhin einige Goldkörnernationalökonomiscber Einsicht zu Tage. Dann aber begnügte mansich bald nicht mehr mit dieser theoretischen Arbeit, sondern ver-fitzte das Problem dadurch, dafs man zwei Fragen aufwarf, derenBeantwortung ebenso unmöglich ist wie die der Fragen, ob dieBrünetten oder die Blondinen hübscher seien, und ob es in der Weltimmer besser oder immer schlechter werde — die Fragen nämlich:was Luxus sei und gar was „erlaubter“ Luxus sei und ob er mehr„schädlich“ oder mehr „nützlich“ wirke. Ethische Nationalökonomie!
Selbstverständlich ist der Luxus ein absolut niemals feststellbarerBegriff, ebensowenig wie der Begriff Kälte oder Wärme. Undebenso selbstverständlich ist der Entscheid über den Begriff des„erlaubten“ Luxus ebenso der historischen Wandelbarkeit unter-worfen wie der Entscheid über Schön oder Häfslich.
Als noch französische Marquis und schottische Landedelleuteüber den „Luxus “ schrieben, erschien ein auch noch so hoher Gradverfeinerten Lebensgenusses ebenso wenig „unerlaubt“, wie demdann folgenden kleinbürgerlich-professoralen Geschlecht schon allesals überflüssiger Aufwand galt, was über den „Normalkonsum“ einer„gebildeten Familie des bescheidenen Mittelstandes“ hinausging. Ichfinde es nur zu begreiflich, dafs der gröfste Teil der traktätchen-haften Anti-Luxuslitteratur des 19. Jahrhunderts einen unver-kennbaren Armeleutegeruch ausstrahlt. Aber was lerne ich darausfür die Beurteilung des aufgeworfenen Problems? Wollen wir nichtendlich von der nichtsnutzigen, zeitraubenden Suche nach „objektivenMafsstäben“ für das Erlaubte oder Unerlaubte im Wirtschaftslebenablassen und einsehen, dafs das letzte Mafs aller Dinge auch hierdie ganze Persönlichkeit ist: des Urteilers wie des Beurteilten?Es giebt — auf den „Luxus “ angewandt — keinen noch so ver-schwenderischen Aufwand, keinen noch so raffinierten Lebensgenufs,der nicht in der Persönlichkeit seines Vollbringers seine Weihe unddamit seine Rechtfertigung finden könnte. Die kostbare Perle, dieKleopatra zermahlen liefs, um sie in den Wein zu schütten, densie dem Gastfreund kredenzte, sie fehlt in keinem der Luxustraktate,um die „Auswüchse“ zu kennzeichnen. Wer aber, der auch nureiniges Empfinden für das Bestrickende aufsergewöhnlicher Menschenhat, möchte sie im Bilde dieses grofsen Weibes missen? Wer dienächtlichen Schlittenfahrten Ludwigs II ? Wer den Pomp und Glanzam Hofe des Sonnenkönigs? Während ich mir denken kann, dafs
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