Fünfzehntes Kapitel.
Die Verfeinerung des Bedarfs.
(Zur Geschichte des modernen Geschmacks.)
Was an Litteratur über dieses Thema vorliegt, gehört demGebiete der Kunstgeschichte und Kunstgewerbegeschichte an.Ökonomische Litteratur ist mir nicht bekannt. Dagegen berührtsich vielfach mit dem hier abgehandelten Gegenstände die Litteraturüber den Luxus. Und diese ist — Gott sei es geklagt — nurallzu umfangreich: Von den Gelegenheitsaussprüchen alter und
mittelalterlicher Autoren gar nicht zu reden: seit zwei Jahr-
hunderten sprudelt ein Quell monographischer Luxuslitteratur, wieihn reicher kaum ein zweites Gebiet ökonomischen Lebens auf-weist. Aber es kann für den unbefangenen Beurteiler keinemZweifel unterliegen, dafs die Arbeiten aus dem Jahre 1900 nichtnur nicht mehr Erkenntnis als jene aus dem Jahre 1700 enthalten,sondern meist an Geist und Witz weit hinter den Leistungen jenerZeit Zurückbleiben: oder möchte jemand behaupten, dafs die breit-spurige neueste Erscheinung der Luxuslitteratur 1 auch nur an-nähernd das Niveau ökonomischer Einsicht erreichte, wie die Bienen-fabel Mandevilles, die 1706 das Licht dieser Welt erblickte?
Woher diese Unfruchtbarkeit so vieler redlicher Arbeit?Offenbar doch aus der verfehlten Problemstellung. Man hat dieUntersuchungen mit der Zeit auf ein völlig totes Geleise gefahren.Im Laufe des 18. Jahrhunderts, ehe der Genfer Uhrmachersohn dasKonzept verdarb, mochte die Erörterung des Themas noch leidlichanregend wirken: es war der Streit um Stadt uud Kapitalismus,wie wir an andern Stellen schon sahen, der unter dem Aushänge-
1 A. Veile mann, Der Luxus in seinen Beziehungen zur Socialökonomie,in der Zeitschrift für die ges. Staatswissenschaft. 55. Jalirg. (1899).