294 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens.
schmacks übereinstimmend enthalten, vollauf berechtigt erscheinen:„So war um die Mitte des 19. Jahrhunderts alles vereinigt, denkünstlerischen Zustand in der Industrie, im Geschmack so uner-freulich wie möglich zu machen. Viel gute und feine alte Technikwar verloren gegangen und durch schlechtere oder gar nicht er-setzt; . . einen eigenen Stil, welcher der Zeitepoche gehört hätte,gab es nicht mehr, statt dessen nur ein Suchen und Tasten unterden Stilarten der Vergangenheit oder ein roher Naturalismus; inIndustrie und Publikum, in Arbeiter, Käufer und Verkäufer wargleicherweise Gefühl und Verständnis für Form und Farbe verlorengegangen „Um die Mitte des Jahrhunderts gab es in Deutsch-land . . . in der Industrie weder eine Kunst noch einen Künstler 1 2 .“
Man ist auf den ersten Blick erstaunt über die Entdeckung,dafs die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts eine Zeit des Verfallsalles künstlerischen Wesens sein soll. Man erinnert sich unwill-kürlich des Hofes Ludwigs I., in dessen Aufträge die Corneliusund Genossen die riesigen Wände der Neubauten in Isarathen mitFresken schmücken; man erinnert sich, dafs jene Jahrzehnte dochauch die Zeit der Goethe, Fichte, Schelling, Hegel war; man ge-denkt der Salons der Kahel oder der Hohenhausen , in denen diebeiden Humboldts, die beiden Schlegel, Tieck und Schleiermacher ,Bopp, Gentz, Chamisso, Fouque , Gans, Heine und so manch andererillustrer Gast verkehrten. Männer und Frauen feinster Bildung,vollendetsten Geschmacks, zu denen wir heute in staunender Be-wunderung emporblicken. Wie war es möglich, dafs in einer Zeit,als jene den Ton angaben, der Tiefstand des deutschen Kunst-geschmacks erreicht wurde? Die Antwort auf diese Frage ver-mögen wir leicht zu geben, wenn wir die Eigenart der Bildungjener Zeit in Rücksicht ziehen. Es war eine ausgesprochenästhetisch-philosophische, eine litterarische, eine idealistische, eineunsinnliche und somit unkünstlerische Geisteskultur, die in jenenKreisen, an die wir dachten, allein für vornehm galt. Arm anmateriellen Gütern, in einer armseligen Umgebung, machte manaus der Not eine Tugend, baute sich eine Welt der Ideale auf undsah mit Verachtung auf alle Sinnlichkeit und Körperlichkeit herab.Man übte Entsagung und Bescheidenheit, wie es Heine so schönausgesprochen hat; man beugte sich demütig vor dem Unsichtbaren,
1 Jakob von Falke, Ästhetik des Kunstgewerbes (1884) S. 53.
2 Jak. von Falke, Geschichte des deutschen Kunstgewerbes, Schluß-wort. Vgl. auch desselben Verfassers Geschichte des modernen Geschmacks.2. Aufl. 1880. S. 353 und passim.