Fünfzehntes Kapitel. Die Verfeinerung des Bedarfs.
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haschte nach Schattenkiissen und blauen Blumengerüchen, entsagteund flennte. Der Gedanke, die Idee, die Gelehrsamkeit salsenals unumschränkte Herrscher auf dem Throne. Ihnen hatten dieKünste, auch die bildenden Künste unterthan zu sein. Die Malereihat den Beruf, schreibt Hallmann, „die schwere geistige Errungen-schaft des Denkens zum Gemeingut aller derer zu machen . ., dieder Spekulation auf ihre schwindelnden Höhen oder der Forschungin ihre tiefsten Tiefen zu folgen weder Macht noch Beruf haben“.Nach diesem Programm malten Cornelius und seine Schule, undwas sie schufen, war, wie es Muther treffend nennt, gemalte Ge-lehrsamkeit. Und was in Düsseldorf an Gemälden entstand, kannman gemalte Litteratur und Litteraturgeschichte heifsen.
Man weifs, welchen beherrschenden Einflufs diese verstandes-mäfsige Auffassung der Kunst auf alle Gebiete künstlerischenSchaffens ausgeübt hat, wie es Semper ausdrückt: durch Ver-mittelung der sog. Kenner und Kunstfreunde, die sich durch sieund nach ihr ein auf reine Willkür begründetes schematisch-puritanisches Kunstregiment erwarben, das dort, wo es durchzu-dringen vermochte, eine traurige Verödung der Kunstformenweltveranlafste; durch Begünstigung der ikonographischen Tendenz-und Zukunftskunst, der Jagd nach neuen Ideen, dem Gepränge mitGedankenfülle, Tiefe und Reichtum der Bedeutung. Semper, derals einer der ersten den Kampf gegen dieses trotz allen Kunst-verstandes doch im Grunde kunstfeindliche Geschlecht aufnahm,hat auch theoretisch am tiefsten die Schwächen jenes „tendenzelnden“Verfahrens, das im „Anrufen des nicht künstlerischen Interesses“seine höchste Kraft zeigte, erfafst und dargestellt.
Dal's aber dieses Geschlecht von Litteraten, Philosophen undÄsthetikern, arm am Beutel, reich am Herzen, reich an „sentiments“,aber bettelarm an „sensibilite“, wie es war, sei es aus Princip , sei esaus Mangel an Mitteln oder Verständnis für materielles Wohlleben,für Ausschmückung des äufseren Daseins keinen Sinn haben konnte:wem möchte das wunderbar erscheinen? Selbst Goethe, der docheiner viel weltgewandteren Zeit angehörte, der dem Genüsse nichtabhold war, dem Sinn für das Prächtige und Glänzende gewifs nichtfehlte: selbst Goethe lebte in einem Hause, dessen Einrichtungunserem heutigen Geschmack armselig und kläglich erscheint, undGoethe selbst konnte den Gedanken äufsern, dafs eine eleganteund luxuriöse Zimmerausstattung nur für Menschen sei, die keineGedanken hätten: eine Auffassung, die theoretisch auch Schopen-hauer übernimmt, so sehr er ihr praktisch, seiner ganzen Natur