296 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens.
gemäfs, abhold war. Im „ästhetischen Thee“ der Berliner geistreichenKreise, in den frostigen, leeren Salons der 1830er und 1840er Jahre,in den engen, verrauchten Weinstuben der Luther und Wegner,den entsetzlichen Weifsbierlokalen, wo die halbverhungerten Geniesund Schöngeister Berlins sich ein Stelldichein gaben, erreicht danndie Unempfindlichkeit auch der Gebildetsten jener Zeit gegenüberden Anforderungen von Komfort, Geschmack und Wohlleben ihrenvollendeten Ausdruck.
Auch die Künstler selbst wufsten nichts von dem bezaubern-den Reiz einer Umgebung mit schönen Dingen, sie verstanden nichtsvon der Kunst, in Schönheit zu leben: sie waren Asketen oderBiedermänner. Sie kleideten sich entweder, wie die Nazarener, mitKamelshaaren und lebten von Heuschrecken und wildem Honigoder führten das Leben eines Gymnasiallehrers oder Steuerrats, wiedie Düsseldorfer. Ihr Leben war so tugendhaft und sittenrein, dafsein Pariser Kritiker es, wie Tacitus das Leben der Germanen denRömern der Kaiserzeit, der „in die Eleganz des modernen Luxusversunkenen Pariser Künstlerwelt“ als Spiegel vor die Seele hielt.„Den ganzen Tag malte man“, erzählt Muther von den Düssel-dorfern 1 , „schickte die Bilder, wenn sie fertig waren, in den Kunst-verein und half sich im übrigen durch eine kleine Passion überlangweilige Stunden hinweg. Hildebrandt hatte sich eine Käfer-sammlung angelegt. Lessing, der Jäger, sammelte Pfeifen undHirschgeweihe und fühlte sich in dem kleinen Zimmer, das er mitSohn zusammen bewohnte, erst wohl, als es wie die Wohnungeines alten Oberförsters aussah . . . Und hatte man am Tage ge-arbeitet, so wallfahrte man an Sommerabenden nach dem „Stock-kämpchen“, erquickte sich an einem Napf saurer Milch, schobKegel und machte einen Wettlauf zwischen den Gemüsefeldern desGartens.“
Die Farblosigkeit der einzelnen Künstlerindividualitäten, dieGedanken- und Lehrhaftigkeit ihres Strebens machte die Maler undBildhauer jener Zeit zu geborenen Akademikern. Und der Aka-demismus, der immer das Zeichen minderer Geister ist, pflegt imGefolge den Hochmut und Standesdünkel zu haben. Und das war(was uns hier vornehmlich interessiert) von ganz besonders ver-hängnisvoller Wirkung auf die Entwicklung der gewerblichenProduktion: denn es trennte die sog. hohe Kunst immermehr von den sog. technischen, dekorativen, an-
1 R. Muther, Geschichte der Malerei im 19. Jahrhundert 1 (1893), 229.