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2 (1902) Die Theorie der kapitalistischen Entwicklung : mit Register über Band 1 und 2
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Fünfzehntes Kapitel. Die Verfeinerung des Bedarfs.

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gewandten Künsten und brachte damit einen Prozefs zurVollendung, der seit dem Ausgang der Renaissance einsetzt undebenso verderblich für Malerei und Skulptur wie für das Kunst*gewerbe geworden ist. Einsichtsvolle Männer hatten längst be-griffen, dal's diese Trennung von Künstlern und Technikern beidenTeilen Schädigungen bereiten müsse. So hatte Friedrich II. dieBerliner Akademie auch kunstgewerblichen Bedürfnissen zugänglichmachen wollen (Kab.O. vom 21. und 25. Januar 1786) und derKurator derselben Akademie Freiherr von Heinitz hatte es in einemDenkschreiben an den König Friedrich Wilhelm II. vom 20. De-zember 1797 als wünschenswert bezeichnet,nicht sowohl lautereigentliche Künstler (als Mahler u. dgl.) durch die Akademie an-zuziehen (weil deren zu grofse Zahl dem Staat, der sie nicht allebeschäftigen und ernähren kann, im Grunde mehr schädlich alsnützlich ist), sondern die Akademie hauptsächlich zur Pflegemutterund Beförderin des guten Geschmacks in allen Branchen derNationalindustrie, die in ihren Fabricatis durch Anwendung regel-mäfsiger Zeichnungen einer Verschönerung und Vervollkommnungfähig ist, zu machen, um dadurch der Nationalindustrie eine neueSchwungkraft zu geben: damit ihre Produkte und geschmackvollenArbeiten jeder Art, den auswärtigen nicht ferner nachstehen 1 .

Aber diese Anregungen blieben ohne Erfolg. Der Künstlerschritt auf der Bahn des Akademismus weiter, er verlor zuletztvöllig neben dem Willen auch die Fähigkeit, die Gegenstände destäglichen Gebrauchs mit künstlerischem Geiste zu durchdringen.Die Versuche, die Schinkel 2 und die romantische gotische Schule,Männer wie Heideloff und andere 3 machten, auf die gewerblichenProduzenten einzuwirken, waren Versuche mit untauglichen Mitteln:jene Künstler hatten die Kunst verlernt, dem Zweck und namentlichdem Stoff des Gegenstands entsprechend Vorlagen zu entwerfen, siewollten meist ohne Rücksicht auf das Material und seine Be-dingungen architektonische Formen den Arbeiten der verschiedenenGewerke aufzwingen. Es komponierte derhohe Künstler einKunstwerk, das dann unorganisch einem Gebrauchsgegenstande auf-geklatscht wurde, oder es mufste dem Stoffe Gewalt angethan werden,

1 W. Bode, Die Berliner Akademie . 1897. S. 13. 14.

2 Sammlung von Möbelentwürfen. 183537; N. A. 1852. Vgl. darüberP. Voigt in U. IV, 339 und neuerdings E. Groth, Das Kunstgewerbe alsNährquelle für das Handwerk im Kunstgewerbeblatt 6 (1895). S. 151.

3 Siehe den ArtikelKünstler im Kunsthandwerk imPan, 3. Jahrg.1897. S. 41.