298 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens.
weil der Künstler seine Entwürfe ohne Kenntnis der Stoffverarbeitungs-technik machte; „der Künstler ist wohl geschickt und erfinderischin der Zeichnung und im Modelle, aber er ist weder Erzarbeiter,noch Töpfer, noch Teppichwirker, noch Goldschmied“, klagt wiederumSemper 1 . Wir können den Zustand zusammenfassend dahinkennzeichnen: das Gewerbe ist von den Künstlern völlig ver-lassen.
Die also dazu berufen gewesen wären, den Kunstgeschmack zuveredeln, die gewerblichen Künste in gesunde Bahnen zu lenken,Künstler und Gebildete: sie versagten völlig. Sei es, weil sie zuarm am Materiellen, sei es, weil sie zu reich am Ideellen waren, wasmeist in Wechselwirkung unter einander zu stehen pflegt. Einwohlhabendes Bürgertum aber, das Freude am schönen und reichenLeben gehabt hätte, fehlte noch. So entstand eine Art vonVacuum. Die kunstgewerbliche Entwicklung war führerlos ge-worden. Und da kam es nun, dafs sich eine Kategorie von Personender Führung bemächtigte, die den Geschmack völlig zum Unter-gang brachte: das kapitalistische Unternehmertum. Diegrauenhafte Verwilderung, in der die für den Feinbedarf arbeitendenGewerbe schliefslich ausarteten, ist nur verständlich, wenn mandieses in Betracht zieht, dafs Jahrzehnte hindurch die Lieferungkostbarer oder kunstvoller Gebrauchsgegenstände nur noch unterdem Gesichtspunkte des Profits des Unternehmers und zwar einesnoch völlig böotischen Unternehmertums erfolgte, und dazu erwägt,dafs in diese Zeit eine Reihe technischer Erfindungen fällt, die eineAttrappen- und Surrogatkunst in einer früher ungekannten Weisebegünstigte. Das erste, was der Unternehmer vollbrachte, war dievöllige Unterwerfung des technischen Beirats, des Zeichners, Mo-delleurs etc. unter sein Kommando. Dieser aus den oben angeführtenGründen sowohl als auch wegen der immer wachsenden Abhängig-keit von einem ungebildeten Brotherrntume schon von Hause ausniederen Ranges verkümmerte immer mehr und mehr zum geistlosen Routinier. Er „liebte es leider nur allzuschnell, sich denmodernen, nun einmal gegebenen Verhältnissen anzuschmiegen, erward zahmer und zahmer, legte hübsch bescheiden seine wilde
1 G. Semper, Wissenschaft, Industrie und Kunst. 1852; datiert: London ,den 11. Oktober 1851. S. 37 ff. Diese geniale Schrift Sempers ist bahnbrechendgeworden für die Reform des Kunstgewerbes in Theorie und Praxis. Ihr Pro-gramm, das schon aus den angeführten Stellen ersichtlich ist, war dieses: „Eskommt alles darauf an, wieder zu vereinigen, was eine falsche Theorie frühertrennte“ (S. 69).