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2 (1902) Die Theorie der kapitalistischen Entwicklung : mit Register über Band 1 und 2
Entstehung
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299
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Fünfzehntes Kapitel. Die Verfeinerung iles Bedarfs.

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Genialität ab, konnte geschniegelt und gebügelt daher scherwenzeln *.Ein Vorwurf ist jenen technischen Künstlern kaum daraus zumachen: sie waren wehrlos gegenüber dem interessierten Unternehmer-tum, dem selbst alles andere als Pflege des Schönen am Herzen lag.Vielmehr war nur noch ein Gesichtspunkt für die Produktion mafs-gebend: sie sollte marktgängige Ware liefern. Und darum mufstendie Erzeugnisseoriginell, vor allemneu, jedes Jahr wechselndund meist auch billig sein. Dieses fressende Bedürfnis nach Origi-nellem, bemerkt ein sachkundiger Beurteiler 1 2 , mufste bei so raschemWechsel allen vernünftigen Erflndungsgeist erschöpfen; man mufsteschliefslich zum reinen Unsinn seine Zuflucht nehmen, dahin auchdie Vertauschung aller Stoffe zu rechnen ist, die aus derselbenQuelle der Armut und Erschöpfung entsprang. Ein jeder Gewerbs-mann imitierte des andern Stoff und Weise und glaubte ein Wundervon Geschmack gethan zu haben, wenn er Porzellantassen wie vomFafsbinder gemacht, Gläser gleich Porzellan, Goldschmuck gleichLederriemen, Eisentische von Rohrstäben und so weiter zu ständegebracht hatte.

Wie tief die Wunden waren, die die moderne industrielle Ent-wicklung dem Kunstgeschmack geschlagen, ersieht man daraus, dafsdie Besten geradezu an einer Vereinigung von moderner Kultur undschöner Lebensgestaltung verzweifelten. Noch Ende der 1870 erJahre schrieb Friedrich Theodor Vis eher die trostlosen Wortenieder:Es ist ein schrecklich wahrer Satz: das Interesse der

Kultur und das Interesse des Schönen, wenn man darunter das un-mittelbar Schöne im Leben versteht, sie liegen im Krieg mit einanderund jeder Fortschritt der Kultur ist ein tödlicher Tritt auf Blumen,die im Boden des naiv Schönen erblüht sind. Wer Vernunft undaber zugleich Leidenschaft hat, den wird man daher oft auf Kultur-fortschritte grimmig schelten hören . . , 3 .

Aber derselbe Kapitalismus, den wir hier als den Zerstörer desguten Geschmacks am Werke finden: er schafft doch wiederumauch erst die Bedingungen für eine Neugeburt derKunst im Hand-werk , wie man die Durchdringung gewerblicher Gegenstände mitkünstlerischen Ideen nicht gerade glücklich genannt hat. Er schafftsie dadurch, dafs er das Land in die sonnigen Gefilde des Reich-tums emporführt. Und dieses Reicherwerden äufsert sich in viel-

1 Walter Crane, Forderungen der dekorativen Kunst (1896). S. 81. 206.

2 ß. von Falke, Geschichte des modernen Geschmacks. 2. Aufl. 1880.S. 352.

8 F. Th. Vis eher, Mode und Cynismus. 3. Aufl. 1888. S. 46.