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2 (1902) Die Theorie der kapitalistischen Entwicklung : mit Register über Band 1 und 2
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Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens.

facher Wirkung auf den Feinbedarf. Es ist nicht sowohl die Geld-anhäufung bei einzelnen Nabobs, die der Entwicklung des Kunst-gewerbes die Förderung gewährt. Wichtiger ist es, dafs zweite unddritte Generationen reicher Bourgeois heranwachsen, die langsamsich mit Geschmack und Bildung erfüllen, dafs allmählich die Enkelund Urenkel der Kaftanmänner als Käufer auf dem Kunstmarkteerscheinen. Wichtiger ist es, dafs mit zunehmendem Reichtum auchdie geistige Elite der Nation, dieGebildeten im höheren Sinne,Anteil haben können an den Segnungen einer materiellen Feinkultur.Wichtiger ist es, dafs Staat, Provinz und Stadt in wachsendemMafse Mittel flüssig machen können, um ihren Bedarf in einerWeise zu befriedigen, die Raum für das Schöne, das Glänzende,das nicht schlechthin Notwendige läfst. Aber das wichtigste ist dochdieses, dafs im Gefolge all dieser Wandlungen die gesamte Lebens-auffassung eine Verschiebung erfährt. Sie wird aus einer vor-wiegend litterarischen eine vorwiegend künstlerische; aus einerabstrakt-idealischen eine sinnliche. Es erwacht der Sinn für dasSichtbare auf dieser Welt, für schöne Gestaltung auch der äufserenDinge, für Lebensfreude und Lebensgenufs. Das künstlerischeEmpfinden wird bestimmend für die gesamte Lebensführung, daskünstlerische Ideal wegweisend auf allen Gebieten. Wie damals dieKunst im Banne des Gedankens, der litterarischen Phantasie stand,so werden jetzt Litteratur und alle Geistesbethätigungen beherrschtvon dem Wesen künstlerischer Anschauung. Die Zeit einerkulturellen Hochblüte, die stets künstlerisch und unethisch war,scheint anbrechen zu wollen. Freilich sind erst leise Anzeichendafür vorhanden, aber doch Anzeichen, die auf die Richtung derkünftigen Entwicklung schliefsen lassen.

Was wir seit etwa einem Menschenalter in Deutschland an Wan d-lungen des Kunstgeschmacks beobachten, ist nicht viel mehrals ein Tasten, ein Probieren. Man kennt die Bestrebungen, die seitden 1870er Jahren hervortreten zunächst in der Absicht, durchRück-kehr zu der Väter Werke den Geschmack zu läutern. Daswieder erwachte Nationalbewufstsein leistet hier dem künstlerischenBemühen Vorschub. Die Münchner Ausstellung des Jahres 1876bildet den Markstein. Georg Hirth giebt seindeutsches Zimmerheraus. Männer wie Franz von Seitz, Lorenz Gedon, Gustav vonFalke setzen ihre grofse Kraft ein, um die Rückkehr zu den ver-gangenen Stilen, vor allem der Renaissance zu predigen 1 . Man

1 Vgl. über diese Bewegung der 1870er Jahre u. a. H. Schwabe, Kunst-industrielle Bestrebungen in Deutschland im Arbeiterfreund 1870. S. 393 f.