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2 (1902) Die Theorie der kapitalistischen Entwicklung : mit Register über Band 1 und 2
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Fünfzehntes Kapitel. Die Verfeinerung des Bedarfs.

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erinnert sich noch jener Zeit der Ritterfrauen und Butzenscheiben,der Lutherstühle und Paneelsofas, einer Zeit, die uns heute schonabgeschmackt erscheint, die aber doch einen immensen Fortschrittbedeutete: dafs dieMode jetzt altdeutsches Gepräge und Renaissance-stil heischte und damit dem Produzenten doch in etwas wenigstensdie Wege gewiesen wurden, die ihn aus der Verwirrung heraus-führten, in der wir ihn ein Menschenalter vorher antrafen.

Diese retrospektive Richtung des Kunstgeschmacks wurde durchandere Entwicklungsreihen vielfach durchkreuzt. Ich denke vorallem an das Emporkommen dessen, was man Atelierstil genannthat, was ich lieber als Zeltstiel bezeichnen möchte. Seine Ge-schichte ist bei uns mit dem Namen Makart aufs engste verknüpftund seine eigentliche Geburtsstunde war die überhitzte Zeit desersten Rausches kapitalistischen Reichtums: der Gründerjahre.

Die Namen Makart und Strousberg haben sich mir immer im Ge-dächtnis als zusammengehörige Begriffe eingeprägt. Es war einglanzvolles, erstes Aufleuchten künstlerischer Lebensfreude, erstesjauchzendes Geniefsen. Aber es war unechte Pracht. Es warFlitter, innen und aufsen. Es war Parvenutum im schlimmstenSinne. Heute sind die meisten Farben auf der üppig-schwülenMakartmalerei verblafst. Aber das Makartbouquet, diemalerischeDraperie mit allerhand bunten Lappen sie haben einige Jahr-zehnte den Geschmack beherrscht. Diese Richtung fand Unter-stützung, als der Orient seine Herrlichkeiten in wachsendem Um-fange uns sandte und die Japanwaren den europäischen Markt zuüberschwemmen begannen. So kamen Jahre, in denen derDe-korateur, meist ein Tapezierer, der Herrscher im Reiche desKunstgewerbes wurde * 1 . Und sie war so bequem, diese tapezier-mäfsige Ausstattung der Wohnräume. Sie war auch dem minderBemittelten leicht möglich, und was das wichtigste war: sie pafstezu der modernen Art zu wohnen: sie pafste für die grofsstädtischeMietswohnung alten Stils, die in nichts anderem als einer Anzahl

J. Matthias, Die Formensprache des Kunstgewerbes. 1875. Ludw. Pfau,Die erste deutsche Ausstellung dekorativer Kunst, abgedruckt in Kunst undKritik 2 (1888), 356 f. C. Landsherg, Die gegenwärtige Lage der Industrieund die Bestrebungen zur Förderung des Handwerks in Werkstatt und Schule.1878. Stockhauer, Die Bahnbrecher unseres modernen Kunstgewerbes(Georg Hirth ) in der Bayer. Gewerbe-Zeitung 1890. Nr. 3 ff. Rosner,a. a. 0. S. 59 f.

1 Vgl. über diesen z. B. J. Lessing , Das Kunstgewerbe auf der WienerWeltausstellung. 1874 . S. 4144. Desselben Verfassers Berichte von derPariser Weltausstellung . 1878. S. 141 ff.