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2 (1902) Die Theorie der kapitalistischen Entwicklung : mit Register über Band 1 und 2
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302
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302 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens.

leerer Kästen bestand, die am besten wirkten, wenn man sie wieein Zelt mit Stoffen und kleinem Schmuckkram ausstaffierte.

Von Künstlern und kunstverständigen Männern war der ersteAnstofs zu einer Reform des Geschmacks ausgegangen. Es waraber doch nur mehr eine Anregung, eine Wegweisung geblieben.Publikum und Unternehmertum waren neue Perspektiven eröffnet.Der Erziehungsprozefs der Parvenüs, die da Bedarf hatten und jener,die ihn decken sollten, war begonnen, aber es bedurfte doch nochfast einer halben Generation, ehe der böse Dämon des Ungeschmackswirklich besiegt war, das Regime der Schönheit seinen Anfangnehmen konnte. Was zuvor geschehen mufste, war die bedingungs-lose Unterwerfung des Konsumenten unter die Herrschaft desKünstlers: eine Künstlerdiktatur, unter der wir im Augenblickein Deutschland noch stehen, konnte allein in das Reich der schönenFormen hinüberführen. So lange das Niveau des Konsumentennicht höher ist als das einer Reichstagsbaukommission oder derimmerhin doch noch ungeschulten Kommerzienratsfrauen aus BerlinW.,so lange rnufs der Künstler als Autokrat sein Scepter schwingen,mufs den guten Geschmack diktieren. Es ist augenscheinlich einÜbergangsstadium, in dem wir uns noch befinden: ein Übergangs-stadium, das so lange dauern wird, bis ein Stamm kauffähiger,aber trotzdem kunstverständiger Konsumenten erwachsen ist, derdem Künstler seine Wünsche unterbreitet, der wieder die Führungder kunstgewerblichen Entwicklung übernehmen kann.

Aber einstweilen hat das Interregnum der Künstlerherrschaftviel Segen gestiftet. Seit etwa der Mitte der 1890 er Jahre beginntin Deutschland ein neues Leben auf allen Gebieten kunstgewerb-lichen Schaffens, das wir allein der Initiative genialer Künstlerzu danken haben, die es endlich nicht mehr verschmähten, auchden Gegenständen des Gebrauchs ihr Interesse zuzuwenden. Zu-nächst sind es zwei Architekten, die Epoche gemacht haben durchdie gewissenhafte Art, mit der sie die grofsen Bauten, deren Aus-führung ihnen oblag, bis in die kleinsten Details des letzten Gerätesnach ihren Plänen ausstatteten: Paul Wallot, der Schöpfer desReichstagsgebäudes 1 und Ludwig Hoffmann , der Erbauer desReichsgerichts in Leipzig 2 . Was Gottfried Semper als Ideal der

1 M. Rapsilber, Das Reichstagsliaus in Berlin . Eine Darstellung derBaugescliiclite und der künstlerischen Ausstattung des Hauses. 1894.

2 V. Müller, Der Bau des Reichsgerichts in Leipzig . 1895. T h.Schreiber, Das Reichsgerichtsgebäude in Leipzig imKunstgewerbeblatt.N. F. Jahrg. 7 u. 8 (1896/97).