Fünfzehntes Kapitel. Die Verfeinerung des Bedarfs. 303
Zukunft bezeichnet hatte : hier wurde es verwirklicht. Die
Architektur war wiederum Chorage aller, auch der dekorativenKünste geworden.
Sodann aber war es ein neues Geschlecht von bildendenKünstlern, das mit sicherem Griffe das verwahrloste Kunstgewerbeals Feld seiner Thätigkeit erwählte und damit eine neue Ara dertechnischen Künste eröffnete. Sie selbst ein Erzeugnis der kapi-talistischen Entwicklung, dafern nur eine rasch zu Reichtum ge-langende Nation ein solches Überangebot von „unproduktiven“Existenzen hervorzubringen imstande gewesen war.
Einer der ersten, die auf dem Plane erschienen, war OttoEckmann , dessen dekorativer Cyklus „Die Lebensalter“ 1803fertig wurde, der 1894 die ersten Holzschnitte und keramischenVersuche machte, 1895 im Pan seine ersten Buchschmuckstückeerscheinen liefs und seit Anbeginn in der Münchener „Jugend“zeichnete, in der auch andere junge Künstler ihre kunstgewerblichenVersuche veröffentlichen liefsen.
Aber man weifs, dafs die eigentliche Entscheidung für Deutsch-land doch erst das Jahr 1897 brachte: die Ausstellungen von Dresden und München enthielten zum erstenmal eigene Schöpfungen hervor-ragender Künstler auf dem Gebiete der angewandten Kunst 1 . Undseitdem ist es etwas selbstverständliches geworden, dafs von Berlepschoder Fritz Erler, Eckmann oder Bruno Paul , Obrist oder Endell,van de Velde oder Pankok , Riemerschmid oder Christiansen dieHand im Spiele haben, wo ein Haus neu auszustatten, ein Möbel,eine Vase, ein Bucheinband, ein buntes Fenster oder irgend welchesGerät mit künstlerischem Geschmack zu schaffen ist. Und es isteine Lust zu sehen, wie diese fein empfindenden Seelen den Trofsder „eminent Spinners“, der „extensive sausage makers“ und „in-fluential shoe black dealers“ dahin führen, wohin sie es für richtighalten, wie sie unser bourgeoises Parvenutum in die strenge Schule
1 Es besteht über diese neueste Phase des Kunstgeschmacks in Deutsch-land schon heute eine ganze Litteratur. Zu vergleichen sind sämtliche Jahr-gänge der „Kunst und Dekoration“ (seit 1897), des Pan, der Innendekoration,der ('österreichischen) Monatsschrift Kunst und Kunsthandwerk (sämtlich seit1898). Die Geburtsjahre dieser führenden Zeitschriften sprechen selber Ge-schichte aus. Vgl. noch zur Orientierung Georg Fuchs, VII. InternationaleKunstausstellung zu München im Magazin für Litteratur, herausgegeben vonSteiner und Hartleben. 1897. Nr.30. W. Bode, Künstler im Kunsthandwerk.Die Ausstellungen in München und Dresden (1897); jetzt neugedruckt in demSammelbande: Kunst und Kunstgewerbe am Ende des 19. Jahrh. 1901.