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2 (1902) Die Theorie der kapitalistischen Entwicklung : mit Register über Band 1 und 2
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Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens.

künstlerischer Geschmacksbildung nehmen. Daneben doch auchfür die Öffentlichkeit und für die Welt der Gebildeten hie und dawenigstens einen Strahl ihres Geistes leuchten lassend. Es gilt dieseWendung zur Verfeinerung des Geschmacks wohl in erster Liniefür die Wohnungsausstattung; aber sie ist doch auf allen Gebietendes Feinbedarfs zu spüren. Sie äufsert sich in der Herstellung derTafelgeräte, im Bucheinband, im Plakat, im weiblichen Schmuck.Die Wiedergeburt der deutschen Goldschmiedekunst reicht kaumüber das letzte Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts zurück, wenn mandarunter das Sichbesinnen auf naturgemäfse Stilarten verstehen will,nachdem in den Jahren von 1870 bis 1895 auch auf dem Gebieteder Goldschmiedearbeiten alle historischen Stile durchgehetzt wordenwaren. Für Berlin ist vor allem das Zusammenarbeiten von Hirzelund Werner epochemachend geworden 1 . Überall wird der Kampfgegen Banausentum und Protzentum siegreich aufgenommen. DieForm erlangt auf der ganzen Linie die Herrschaft über den Stoff.

Wes Geistes Kind nun aber diese neubürgerliche Kunst, dieserGeschmack des 20. Jahrhunderts ist, in welcher Richtung die Ent-wicklung des Feinbedarfs weiter zu verlaufen verspricht: dies alleswerden wir besser zu erkennen vermögen, wenn wir unsern Blicküber die Grenzen des Deutschen Reichs hinaus auf die anderenLänder mit kapitalistischer Kultur lenken und deren mächtigenEinflufs auf die Entwicklung des modernen deutschen Geschmacksuns in Erinnerung zu bringen versuchen. Und weil einige dieserLänder unstreitig um Jahrzehnte der deutschen Kultur voran sind,werden wir aus ihrem Wesen auch am besten die Tendenzen derweiteren Entwicklung zu erkennen vermögen.

II. England .

Das Land, in dem der moderne Kapitalismus sich zuerst zuvoller Blüte entfaltet hat, ist auch das Geburtsland des modernenKunstgeschmacks geworden.

Auch dem englischen Geschmack hat der Kapitalismus zunächsteine Periode des Niedergangs, eine Prüfungszeit des Tiefstandesnicht erspart. Wenn wir die Schilderungen aus der zweiten Hälfte

1 Vgl. H. Schliepmann, Moderner Schmuck in Kunst und Dekoration,Nov. 1899 und Itücklin, Pforzheimer Schmuck, ebenda, Juli 1899. Für denNationalökonomen besonders wertvoll, weil vielfach Technik und Betriebs-organisation berücksichtigend, ist die Studie von Hans Ostwald , Modernedeutsche Goldschmiedekunst in Westermanns Monatsheften. März 1901, 797 ff.