Fünfzehntes Kapitel. Die Verfeinerung des Bedarfs. 307
England , wo Semper zunächst seine Ideen verwirklicht, denn die(alte) Dresdener Hofoper (1837—40 erbaut) kann doch nicht alsAusdruck schon seiner reformerischen Ideen auf dem Gebiete desKunstgewerbes gelten.
Das wichtigste jedoch ist, dafs in England der neue Schlachtrufentsteht, unter dem allein unsere Zeit sich das Gebiet des Kunst-gewerbes, wie jedes andere Gebiet künstlerischer Bethätigung erobernund zu eigen machen konnte, der Schlachtruf: zurück zur Natur!Noch jede Zeit, die einen neuen, ihr eigenen Stil geschaffen hat,hat es im Banne dieses Leitworts gethan. Mochten die BahnbrecherJohann van Eyk oder Giotto, Goethe oder Hauptmann, Rossettioder Manet heifsen. Denn dieses: zurück zur Natur will dochnichts anderes bedeuten, als dafs die Zeit erfüllet ist, die Welt mitanderen Augen zu sehen, als die vergangenen Geschlechter, dafsdie Dinge sich anders in den Köpfen widerspiegeln als damals, dader alte Stil geschaffen wurde. Für die „technischen“ Künste aberbedeutet jener Appell an die Natur im Grunde nichts anderes alsdas Postulat, Stoff und Zweck zur Richtschnur für die Gestaltungder Gebrauchsgegenstände zu nehmen. Denn das „Natürliche“ imReiche der dekorativen Kunst ist das Zweckmäfsige.
Gewifs — man kann auch die Präraphaeliten und Ruskin-Morrisals Vertreter einer „retrospektiven“ Richtung ansprechen. Aberdiese Anlehnung an Vergangenes war doch nur die äufsere Formihres Werkes, nicht sein Kern. Denn das ist eben das Charakte-ristische: dafs sie an solche Zeiten anknüpften, die sich durch ihren„Naturalismus“ vor anderen auszeichneten: die selbst deutlich dieSpuren eines neuen Stiles trugen. Das gilt für das Quattrocento,das gilt aber auch auf dem Gebiete des Kunstgewerbes für Japan ,das grofsen Einflufs gewann, wie für das 18. Jahrhundert in England ,die Zeit der Chippendale und Sheraton, der Wedgwood und Adam,auf die man von neuem die Aufmerksamkeit lenkte. Was nämlichdie Eigenart des englischen Kunstgewerbes schon im 18. Jahr-hundert ausmachte, ist dieses: dafs es ganz unwillkürlich die über-kommenen historischen Stile den Anforderungen des modernenGebrauchszwecks entsprechend ummodelte. Zwar nahm man gerndie Anregungen vom Auslande — will sagen von Frankreich undItalien — entgegen; aber man durchbrach rücksichtslos die Stil-gerechtigkeit — englische Nationaleigenart ist ja die Systemlosig-keit: John Stuart Mill ! —, wenn sie dem Gebrauchszweck, unddieser war von jeher die „Bequemlichkeit“, der Komfort, wider-sprach, ebenso wie man eklektisch aus irgend einem Stil heraus-
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