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2 (1902) Die Theorie der kapitalistischen Entwicklung : mit Register über Band 1 und 2
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Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens.

technik klare, augenfällige Drucke gestattet, sich aufHand-arbeit zu kaprizieren, wo Maschinenarbeit viel leistungsfähigerist, kurz irgend ein altertümliches Verfahren plötzlich wieder als dasallein zurSchönheit führende anzusehen solche ausgefallene Ge-danken erscheinen dem Amerikaner mit Recht als Kindereien. Ohneviel zu reflektieren, hat er sich einfach der Mittel bedient, die ihmdie Technik seiner Zeit an die Hand gab. Statt einen in anderer Um-gebung gebildeten Geschmack der der neuen Technik entsprechendenForm und Gestalt der Gegenstände entgegenzusetzen und in stetemKampfe mit den Fortschritten der Technik sich abzumühen, hater vielmehr der Technik nachgegeben und die Dinge entgegen-genommen, wie sie aus dem gerade vollendetsten Verfahren hervor-gehen mufsten. Und siehe da: das Ergebnis war, dafs die Er-

zeugnisse dieser modernsten technischen Prozesse nicht nur die be-quemsten, komfortabelsten, zweckmäfsigsten, sondern auch dieschönsten waren: was im Grunde ja doch wohl dasselbe ist.Weildie amerikanischen Möbel so praktisch sind, weil ihre Silberservice,ihre Eisenarbeiten etc. so zweckmäfsig sind, darum erscheinen sieuns schön, darum sind sie schön 1 . Geräte-, Bade-, Schlaf-,Geschäftsräume werden nur praktisch hergestellt.Trotzdem be-friedigt die Erscheinung des Raumes . . . nicht nur die Vernunft,sondern direkt auch das Auge 2 . Wobei man nicht nur anMaschinentechnik im engeren Sinne zu denken hat, sondern vorallem auch an die Errungenschaften der chemischen Industrie, wiesie in der Revolutionierung der Glasindustrie 3 , in der vielfach neuenVerwendung der Farben 4 , in den zahlreichen Vervielfältigungs-verfahren u. drgl. zum Ausdruck kommen.

Was aber die Amerikaner befähigt, in Zukunft noch viel mehrals bisher die Führung auf allen Gebieten der Feinbedarfsdeckungzu übernehmen, ist ein doppelter Vorzug, den sie vor uns voraus-haben. Zunächst der gröfsere Reichtum. Die Art, wie heute schonmit edlem Material, mit kostbarem Marmor, Halbedelsteinen, Goldund Silber in den Vereinigten Staaten geradezu Verschwendung ge-

1 W. Bode, Moderne Kunst in U. S. A. , a. a. 0. S. 138.

2 J. Lessing, Kunstgewerbe im Amtl. Bericht über die Weltausstellungin Chicago II, 766.

3 Man denke an die Umwälzung unseres Geschmacks durch Tiffany, derals einer der ersten nach dem Patent La Farges für opalisierendes Glas ge-arbeitet hat. Über Tiffany vgl. Lessing , a. a. 0. S. 780784.

4 Hierher gehören unter vielen anderen die Neuerungen auf dem Gebieteder Tapetenindustrie; über deren Entwicklung in Amerika vgl. R. Graul,a. a. 0. S. 27 f.