Fünfzehntes Kapitel. Die Verfeinerung des Bedarfs. 311
trieben wird, ist imposant; die Schilderungen von der Pracht unddem Glanze der Einrichtungen *, der Toilette, der Herrichtung vonGastmählern klingen wie Erzählungen aus Tausend und Einer Nachtzu uns herüber. Berlin W. hat dagegen einen Armeleutegeruch.
Sodann aber ist die Geschmacksentwicklung in den VereinigtenStaaten von jeher eine gesichertere gewesen, dank der höherenQualitäten seines Unternehmertums. Es ist eine amerikanischeEigenart, die wohl auch nichts anderes als eine höhere Form kapi-talistischer Entwicklung darstellt, dal's auch auf dem Gebiete derFeingewerbe einige wenige ganz grofse Häuser den Markt be-herrschen. Dieser Monopolstellung ist es dann zu danken, dal'ssich die führenden Industriellen unabhängiger von den Launen desTages machen und künstlerischen Zwecken leichter dienen können,als wo ein Konkurrent dem anderen auf den Fersen sitzt und ihndurch „Originalität“ zu überbieten sucht.
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So ergiebt sich denn für die Gegenwart ein buntes Bild. Aller-orts liegen „Richtungen“ mit einander im Kampfe, verschwindentäglich alte und tauchen neue Stilweisen auf. Überall reget sichBildung und Streben. Richten wir nun aber unseren Blick auf diegrofsen Züge der Entwicklung, so kann es nicht zweifelhaft sein,dafs es drei Hauptströme sind, in denen der Kunstgeschmack derGegenwart dahinfliefst: der kontinental-europäische, der englische und der amerikanische. Das kontinentale Europa repräsentiertheute mit der ganzen Schwere seiner langen und rühmlichen Ver-gangenheit gerade auch auf dem Gebiete des Kunstgewerbes diehistorische Tradition. Es fällt dem Spröfsling eines altenGeschlechtes schwer, die Ruhmesthaten seiner Vorfahren zu ver-gessen; er wird jede seiner Handlungen mit einem Blick auf diestolze Vergangenheit seiner Familie beginnen. Schon England istmehr Parvenü als wir Kontinentaleuropäer. Noi eravamo grandi, eloro non eran nati! Und wie wir sahen: es hat verstanden, jedenfremden Stil rasch in seine für den Gebrauchszweck am besten ge-eigneten Bestandteile aufzulösen. Dieser überwiegende Zweck-gedanke ist es, der dem kunstgewerblichen Geschmack Englands sein eigenartiges Gepräge giebt. Will man ein Schlagwort, so kannman den Komfort im weiteren Sinne als die Beisteuer England zu dem Reichtum modernen Feingeschmacks ansehen. Was aber
1 Über die märchenhafte Pracht der „Halls“ vgl. W. Bode, a. a. 0. S. 139.