Fünfzehntes Kapitel. Die Verfeinerung des Bedarfs. 317
Nervosität; und diese kann nie die Stetigkeit und Ständigkeit imGefolge haben, wie sie den Geschmack der vergangenen Jahrhundertemehr oder weniger charakterisierte. Ich werde auf das Phänomender Wechselfreudigkeit noch zu sprechen kommen, wo ich dasWesen der Mode abhandele.
Ist solcherart die Eigenheit des modernen Kunstgeschmacksdurch die Neuheit der Zwecke bestimmt, so ist nun das zweitemächtige Bildungselement: die moderne Technik gleicherweisein Betracht zu ziehen.
Nicht etwa nur, dafs die moderne Technik verwertet wird, umbestimmte Arbeitsverrichtungen besser ausführen zu können, d. h.als Hilfselement. Sondern sie wird geschmackbildend wirken.Hier werden die Wege weiter verfolgt werden, die die Amerikaner,wie wir sahen, bereits betreten haben. Wir werden lernen, dasschön zu finden, was technisch vollendet ist: sei es eine neue Artder Gläserbereitung, sei es eine neue Brückenkonstruktion oderWartehalle, sei es die Form eines Schiffes oder Wagens; die Gestalteines Möbels, dessen Schnitt und Politur mit den Mitteln einervollendeten Maschinentechnik hergestellt sind. Dafs in dieserRichtung der einzig gangbare Weg liegt, haben auch die Ver-ständigen unter den kunstgewerblichen und ästhetischen Fach-schriftstellern längst eingesehen. Schon Semper, der doch ineiner Zeit schrieb, die die Evolution des technischen Könnens erstin den Anfängen erlebte, meinte, dafs wir einen Reichtum desWissens, der unübertroffenen Virtuosität im Technischen besitzen,die wir wahrlich nicht für halbbarbarische Weisen hingeben dürfen 1 2 .
Und Männer wie Bode und Lessing betonen, gerade im Hinblickauf die wunderbaren Erfolge der Amerikaner, immer wieder, dafs alleinaus dem Wesen der modernen Technik heraus die neuen, gesundenFormen und Regeln für den Kunstgeschmack hervorwachsen können ? .„In der Maschine,“ sagt ein anderer hervorragender Sachverständiger 3 ,„liegt der Stil der Zukunft. Denn sie wird früher oder später allenbombastischen Schwulst, an dem die Zeit noch kränkelt, aus unserenZiermotiven entfernen und uns zu den gediegeneren Grundformennatürlicher, praktischer Eleganz zurückführen.“
Und es ist wirklich reizvoll, zu beobachten, wie rasch sichunser Geschmack unmerklich mit den Wandlungen der Technik selber
1 6. Semper, Wissenschaft, Industrie und Kunst (1852), 26.
2 J. Lessing, Neue Wege, im Kunstgewerbeblatt 6 (1895).
3 J. Leisching, Direktor des Mährischen Gewerbemuseums in Brünn in UOe., 657.