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Zweites Bucli. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens.
Mann und Weib: alles wird immer mehr auf den Effekt bei Lichtzugeschnitten werden. Denn unser Leben wird immer mehr denGenufs in die Abend- und Nachtstunden verlegen, in dem Mafse,wie unsere Beleuchtungstechnik immer mehr die Nacht zum Tagezu machen versteht.
Aber viel wichtiger als alle diese Einzelheiten des modernenFeingeschmacks, die sich leicht vermehren lassen, erscheint mir einaller Bedarfsgestaltung in Zukunft unablöslich anhaftender Charakter- V
zug: ihre Unruhe, ihre Wechselhaftigkeit, ihre Erneuerungstendenz.
Dadurch wird sie sich mehr als durch alles andere von früherenZeiten unterscheiden. Es wird sich niemals auch nur auf einJahrzehnt ein fester Stil einbürgern können, es wird immerwieder das Bestreben nach Veränderung hervortreten. DieserZug steht im Zusammenhang mit zwei entscheidend wichtigenThatsachen unseres socialen Lebens. Mit der schon erwähntenraschen Zunahme der Abnehmer feingewerblicher Erzeugnisse.
In vor- und noch frühkapitalistischer Zeit war das Aufsteigenzu Reichtum, das Kaufkräftig werden an viel engere Grenzengebunden und erfolgte in viel längeren Zwischenräumen alsheute. Wer hätte wohl noch im 18. Jahrhundert auch nur dieGegenstände regelmäfsiger jährlicher kunstgewerblicher Aus-Stellungen kaufen sollen ? Heute erscheint mit jedem jungenJahr ein neuer Trofs kauflustiger und kauffähiger Leute, für diefeingewerbliche Gegenstände geliefert werden müssen. Welch einstarker Anreiz zu unausgesetzter Neuanbringung, Veränderung undVerbesserung auch bei den entwerfenden Künstlern! Aber auchdiejenigen, die schon in dem Kreise der Käufer eleganter Warengewesen sind, sehnen sich viel mehr als die Menschen der früherenJahrhunderte nach Abwechslung. Was Gur litt in Bezug auf dieBaustile sagt, dafs wir das Einerlei einer festgestellten Form nichtmehr ertragen und am Vielerlei einer formalistisch tastenden Zeitunsere Freude haben können * 1 , das gilt für die gesamte Feinbedarfs-gestaltung unserer Zeit. Zunehmende Kultur bedeutet zunehmende
Art, die sich heute aller Orten bei uns auf Ausstellungen breit machen, siehtman es leider nur zu oft an, dafs sie der ungezügelten Phantasie von Natur-burschen entsprungen sind, die durch barocke Absonderlichkeiten einander zuüberbieten suchen.“ Bandwurm- und Krötenornament! Bode bringt diese Er-scheinung in Zusammenhang mit der Thatsache, dafs heute noch so vieleKünstler aus kleinen Verhältnissen stammen.
1 C. Gurlitt, Deutsche Baukunst in „Deutsche Kunst und Dekoration“.Februar 1900.