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2 (1902) Die Theorie der kapitalistischen Entwicklung : mit Register über Band 1 und 2
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Fünfzehntes Kapitel. Die Verfeinerung des Bedarfs.

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kratie werden dafür sorgen, dafs immer weitere Kreise des Volkesan den Errungenschaften des Kunstgewerbes teilnehmen. Freilichbestimmend für dessen Richtung wird der Massenkonsum kaumjemals werden. Was über den Charakter des Kunstgeschmacksder Zukunft entscheiden wird, wird der Bedarf eines an Zahl raschwachsenden reichen Grofsbürgertums sein. Dieser aber, denkeich, wird folgende Merkmale zur Schau tragen: Er wird sich^ schon durch die zunehmende Massigkeit von dem Feinbedarf

früherer Zeiten unterscheiden. Waren es im 17. Jahrhundertim wesentlichen die Höfe, an denen die künstlerische Ausgestaltungdes äufseren Lebens gepflegt werden konnte, so erweitert sich derKreis, als im Laufe des 18. Jahrhunderts der Adel als Konsumenthinzutritt. Und abermals gröfser wird der Kreis von Nachfragernnach feingewerblichen Erzeugnissen, als bei fortschreitendemKapitalismus zunächst die oberen Schichten der Bourgeosie auf demMarkte erscheinen und nun, in dem Mafse, wie der Reichtum an-schwillt, immer weitere Kreise des Bürgertums in den Stand gesetztwerden, mehr Wert auf die künstlerische Ausgestaltung ihresMilieus zu legen.

Und natürlich erfährt der Geschmack mit dieser Ausweitungseines Spielraums qualitativeVerän der ungen. Anders ist derBedarf eines modernen Bankiers als der eines französischen Marquisim 18. Jahrhundert. Im allgemeinen wird heute wohl mehr Wertauf die Behaglichkeit als auf die Repräsentation schlechthin gelegt.Die Wohnräume füllen sich mit tausenderlei Gebrauchs- undSchmuckgegenständen, von denen selbst die Boudoirs des Rococconoch keine Spur enthielten. Ein gemeinsamer Zug aller Bedarfs-gestaltung ist die im Gefolge grofsstädtischer Entwicklung sichimmer fühlbarer machende Verengung des Existenzspielraums: selbstdie prächtige Villa eines vielfachen Millionärs in der Stadt istdoch um vieles enger als das Palais eines längst nicht so reichenLandedelmanns in früherer Zeit. Das grofsstädtische Leben bringtauch noch manche andere Umgestaltung des Bedarfs mit sich: diegröfsere Abspannung drängt auf gröfseren Komfort der Gebrauchs-^ gegenstände, auf ruhigere Farbentöne in der Umgebung hin, auf

noch viel ruhigere Linien unserer Möbel und Schmuckstücke, alssie heute noch die meisten zappelig-manierierten Künstler fürschön halten 1 . Ferner: das ganze Haus, die Festkleidung von

1 Sehr zutreffend äufsert sich über diesen Punkt neuerdings W. Bode,Kunst und Kunstgewerbe, 165/166:Den Möbeln, Vorhängen, Geräten aller