314 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens.
sinnigkeiten in der Verwendung beliebiger historischer Formen fürklar vorgeschriebene Zwecke aus der Welt verschwinden werden 1 ;aber ein Anfang ist doch auch in Deutschland schon gemacht.Und wir dürfen doch an dem bon sens unserer Künstler nicht ver-zweifeln, dafs es ihnen gelingen werde, ebenso ihrem Zweck ent-sprechend unsere öffentlichen Bauten zu errichten und auszustatten,wie ihre römischen Vorgänger die Basiliken und die mittelalterlichenBaumeister die Fondachi und Gildenhäuser unter keinem anderenGesichtspunkt als dem des „Praktischen“ und darum auch schönhinzustellen vermochten.
Aber der moderne Feinbedarf trägt den öffentlichen Charakternicht nur dort, wo er von öffentlichen Körperschaften unterhaltenwird. Was unsere Zeit schon heute von allen früheren Zeitenunterscheidet und was die kommenden Jahrzehnte noch zu vielgröfserer Ausdehnung bringen werden, das ist die aus der fort-schreitenden Entwicklung der verkehrswirtschaftlichen Organisationund aus der zunehmenden Verbreitung des Kommerziums unter denMenschen folgende Steigerung dessen, was man kollektive Be-darfsbefriedigung nennen kann, ein Phänomen der Konsum-entwicklung, dem wir an anderer Stelle noch genauere Aufmerk-samkeit werden schenken müssen, das uns hier nur interessiert, weiles abermals eine Quelle nicht privaten Feinbedarfs ist. Ich denkean die immer kostbarere, kunstvollere und bequemere Ausstattungder Speisehäuser und Hotels, der Cafes und Bars, der Eisenbahn-züge und Dampfschiffe, der Warenhäuser, sowie aller Geschäfts-räume der kapitalistischen Unternehmungen. Heute sind esParfümerie- und Kravattengeschäfte, Wäscheläden, Salons fürDamenschneiderei, Frisier- und Haarschneidesalons, Photographen-ateliers und dergl., die kühn auf der Bahn kunstvoller Ausstattungvoranschreiten. Es vollzieht sich hier eine Durchtränkung desVerkehrs- und Geschäftslebens mit Schönheit: ein socialistischesIdeal, wenn auch in anderer Weise, als die alte Schule es voraussah,geht seiner Verwirklichung entgegen: der Künstler der Zukunft imDienste „profitwütiger“ Handlungshäuser — dem Volke die Kunstbringend!
Daneben wird natürlich der private Feinbedarf ebenfallsan Umfang und Vollkommenheit zunehmen. Technik und Demo-
1 Wie auf so vielen Gebieten bedeutete auch auf dem der Architekturdie Pariser Weltausstellung von 1900 mit ihrer gräulichen „Rue des nations“das Ende einer alten Kulturepoche, nicht den Anfang einer neuen.