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2 (1902) Die Theorie der kapitalistischen Entwicklung : mit Register über Band 1 und 2
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320 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens.

Zunahme und Reichtumsvermehrung aufträte. Und dasist gewifs auch häufig der Fall. Wenn mehr Leute als früheretwas bedürfen, ist es leicht möglich, dafs nun auch mehrMenschen denselben Artikel verlangen. Das ist besonders deutlichbeispielsweise bei allem Anstaltsbedarf: wenn ein Krankenhausfrüher 20 und nun 200 Betten hat, so steigert sich der Bedarf angleicher Ware um das Zehnfache. Und wenn, dank der Zunahmeder Wohlhabenheit, mehr Leute Gegenstände eines bestimmtenPreises kaufen können, so mag sich ein Gebrauchsgut, dasehedem nur in einzelnen Exemplaren abgesetzt wurde, nun leichtzu einemMassenartikel auswachsen. Hierher gehört alle sog.Demokratisierung alles sog.Luxus . Die berühmten seidenenStrümpfe bilden das Schulbeispiel. Einstmals so erzählt schonSchopenhauer war es ein Wahrzeichen einer Königin, wennsie zwei Paar seidene Strümpfe besafs. Heutzutage ist eine bessereCocotte nicht mehr auf der Höhe ihrer betriebstechnich notwendigenAusrüstung, wenn sie der seidenen Strümpfe entbehrt.

Über ein den seidenen Strümpfen entsprechendes Stück derweiblichen Kleidung den seidenen Jupon schreibt derKon-fektionär am 31. August 1899:Man wird sich kaum der Über-treibung schuldig machen, wenn man die reinseidenen Röcke ausMoire- und Glace-Taffet in die Reihe der Stapelgenres rangiert, sobedeutend ist die Nachfrage darin bei der Engros-Konfektion. Dieluxuriösen Neigungen des Publikums lassen sich gerade bei denseidenen Jupons, wenn der Konsum der Gegenwart mit dem vorwenigen Jahren nebeneinander gehalten wird, erkennen.

Aber man würde sicher nicht von einer der modernen Zeiteigenen Tendenz zur Vereinheitlichung des Bedarfs sprechen dürfen,hätte es bei jenen selbstverständlichen Folgen der Bevölkerungs-zunahme und des Reicherwerdens sein Bewenden. Die durch siegeschaffene Vereinheitlichungstendenz würde ganz gewifs mehrfachdurchkreuzt werden durch die im Verlauf der Kulturentwicklungimmer deutlicher hervortretende Neigung zur Differenzierung desGeschmacks. Es müssen also noch besondere Kräfte am Werk sein,wenn wir thatsächlich als ein Ergebnis der Entwicklung in derGegenwart ohne Zweifel an einzelnen Stellen wenigstens eineZusammenballung der Bedarfsnuancen zu uniformem Massenbedarfkonstatieren können. Eine solche Tendenz zur Vereinheitlichungdes Bedarfs wird erzeugt:

1. durch die Entstehung grofser Unternehmungenauf dem Gebiete der Güterproduktion und des Güterabsatzes.