Siebzehntes Kapitel. Die Mobilisierung des Bedarfs.
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des 18. Jahrhunderts das Bewufstsein gewetzt und geschliffen haben.Man merkt ihnen auf den ersten Blick an, dafs ihre Verfasser keinerechte Vorstellung haben von der Art und Weise, wie denn „dieMode“ heutigentags entsteht, also auch nicht von den treibendenKräften, die bei ihrer Bildung hauptsächlich thätig sind. Mir scheintaber, als ob eine genaue Kenntnis dieser Vorgänge uns allein inStand setzt, den unserer Zeit eigentümlichen Verumständungen beider Bildung der Mode auf die Spur zu kommen und also auch alleindie Mittel an die Hand giebt, die aufgeworfene Frage sachgemäfszu beantworten.
Um die aufserordentlich komplizierten Zusammen-hänge, um die es sich bei der Entstehung der Modehandelt, möglichst deutlich zur Anschauung zu bringen, greifeich eine bestimmte Geschäftsbranche, in der die Mode ja einehervorragenbe Rolle spielt, heraus: die Damenkleidung, und werdezunächst einfach erzählen, wie in ihr die Entwicklung der Modesich zu vollziehen pflegt 1 .
Nehmen wir zum Ausgangspunkt ein Breslauer Damen-mäntel-Konfektion shaus und treten wir in seine Geschäfts-räume etwa in der Pfingstwoche 1900 ein. So sehen wir dieDetailverkaufsräume naturgemäfs angefüllt mit Jackets und Mänteln,die im Frühjahr und Sommer 1900 bedurft werden und derenSchicksal uns hier nicht interessieren soll; wir finden dagegen diegrofsen Engrosverkaufshallen voller Kleidungsstücke, die im Winter1900/1901 getragen zu werden bestimmt sind. Es sind einstweilennur „Kollektionen“, „Musterungen“, nach denen die zureisendenHändler der Provinz ihre Bestellungen machen, dieselben Kollektionen,mit denen in der Woche nach Pfingsten der Schwarm der Reisenden
1 Die folgende Darstellung beruht im wesentlichen auf eigener Anschauungund Aussprache mit Grofsindustriellen und Großhändlern der verschiedenenBranchen. Das einzige, was aus der Litteratur zu verwenden ist, ist das Werkvon Coffignon, Les Coulisses de la Mode (ca. 1888), dem ich viel An-regung verdanke. Es ist aber durchaus feuilletonistisch-skizzenhaft gehalten.Ferner bieten einen reichen Stoff an Einzelthatsachen, die freilich erst für dieZwecke der wissenschaftlichen Verwertung zurechtgemacht werden müssen, diezahlreichen Fachzeitschriften, deren jede Branche ein halbes Dutzendund mehr besitzt, namentlich die österreichischen, französischen und ameri-kanischen. Ganz besonders reichhaltig ist die deutsche Zeitschrift „DerKonfektionär“, der während der Saison zweimal wöchentlich in Nummernvon je 64 Folioseiten erscheint. Die im Text gegebene Darstellung ist ander Hand des Inhalts der letzten Jahrgänge des „Konfektionärs“ auf ihreRichtigkeit hin geprüft worden.