334 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens.
diesem Falle betrifft die Dauer doch immer nur einen Typus alsGanzes betrachtet: an den Einzelheiten bosselt und nestelt die Modegleichwohl immer weiter herum. Wer möchte beispielsweise denzwei- oder dreijährigen Frack nicht an der Unterschiedlichkeit inSchnitt und Stoff vom modischen Frack jederzeit zu erkennen sichanheischig machen?
„Wie ein unartiges Kind, das keine Ruhe giebt, so treibt esdie Mode,- sie thut’s nicht anders, sie mufs zupfen, rücken, um-schieben, strecken, kürzen, einstrupfen, nesteln, krabbeln, zausen,strudeln, blähen, quirlen, schwänzeln, wedeln, kräuseln, aufbauschen,kurz, sie ist ganz des Teufels, jeder Zoll ein Affe, aber just auchdarin wieder steif und tyrannisch phantasielos gleichmacherisch,wie nur irgend eine gefrorene Oberhofmeisterin spanischer Observanz;sie schreibt mit eisiger Ruhe die absolute Unruhe vor, sie istwilde Hummel und mürrische Tante, ausgelassener Backfisch-rudel und Institutsvorsteherin, Pedantin und Arlekina in EinemAtem
Was ist es nun aber, das alle diese der Mode eigentümlichen Zügegerade in unserer Zeit, die sich selbst mit Vorliebe das Prädikatder aufgeklärten beilegt, so scharf herausgearbeitet hat? Diese Frageist naturgemäfs schon oft aufgeworfen und ebenso oft beantwortetworden, aber ich mufs gestehen, dafs keiner der Erklärungsversuchemich voll befriedigt. Ich meine nicht jene Deutungen des Wesensder Mode überhaupt. Hier sind die Untersuchungen Simmels undVischers derart, dafs ihnen kaum etwas neues hinzugefügt werdenkönnte. In dem Grundgedanken dieser beiden Schriftsteller, dafsdie Mode „eine besondere unter jenen Lebensformen darstellt, durchdie man ein Kompromifs zwischen der Tendenz nach socialerEgalisierung und der nach individuellen Unterscheidungsreizen her-zustellen sucht“ (Simmel), ist sicher die psychologische Eigenartmodemäfsigen Verhaltens richtig zum Ausdruck gebracht. Sondernich meine jene Theorien, die die intensive Entfaltung der Mode-haftigkeit in unserer Zeit, die Durchtränkung des gesamten socialenLebens der Gegenwart mit Mode, die insbesondere die obennamhaft gemachten Specifika der modernen Mode zu erklären sichanheischig machen. Sie tragen alle ein ausgesprochen doktrinär-gekünsteltes Gepräge: wenn Vischer beispielsweise die stark aus-geprägte Modehaftigkeit der Gegenwart als eine Frucht der scharfenZuspitzung der Reflexion ansieht, zu welcher die Gedankenströmungen
1 Visclier, a. a. 0. S. 52.