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Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens.
dafs unser „Meister“ ja doch sein Werk komponieren mufs unterZuhilfenahme irdischer Stoffe: er bedarf der Seide und Wolle, desSamtes und Pelzwerks, der Spitzen und Rüschen, der Passamentealler Art, der Knöpfe und Schnallen, der Federn und Blumen, kurzeiner unendlichen Fülle gewerblicher Erzeugnisse, die ihre Geschichteschon hinter sich haben, wenn sie in die Hände der Couturiers ge-langen, deren Mode also auch vorher schon gebildet seinmufs. Zweifellos übt der „schöpferische“ Schneider auch Einflufsauf die Moderichtung in allen Branchen aus, deren Erzeugnisse ihmfür sein Werk dienen: im grofsen Ganzen aber nimmt er die Stoffeund Zuthaten, wie sie ihm die verschiedenen Industrien liefern, zumAusgangspunkt für seine eigene Komposition. Auf unserer Wanderungins Heimatland der Mode sind wir also abermals auf ein ferneresZiel hingewiesen : wir müssen die Modebildung in den Hilfsindustriender Schneiderei ins Auge fassen.
Und abermals stofsen wir auf das Bureau von Dessinateurs,die im Dienste der kapitalistischen Unternehmer „Muster“ und„Modelle“, sei es für Stoffe, für Besätze, für Behang zeichnen, dievon den Fabriken ausgeführt und dann in Musterkollektionenzusammengestellt der Kundschaft (die in diesem Falle nie der letzteKonsument, sondern immer nur wieder ein Fabrikant oder Händlerist) zur Auswahl vorgelegt werden. Wer sich nicht eigene Zeichnerhalten kann, abonniert sich auf solche neue „Dessins“. In derTextilbranche giebt es in Paris Specialgeschäfte für Musteranfertigung,bei denen die grofsen Webereien des In- und Auslands ihren Be-darf an neuen Gedanken, „Dessins“, gegen Bezahlung einer Pauschal-summe in jeder Saison zu decken in der Lage sind. In einzelnenBranchen werden die Muster der neuen Mode durch Beschlufs derVertreterschaft der betreffenden Industrie gleichsam kanonisiert.So giebt die „Chambre syndicale des fleurs et des plumes“ alljährlicheine Farbenkarte heraus, die mafsgebend ist für alle Blumen- undFedererzeugung. Sie wird bestimmt wiederum auf Grund derSeiden bandmuster, die von den Lyoneser Seidenbandfabrikantenzur Ansicht versandt werden und ist dann zum Preise von 3 Mk.überall käuflich.
So ergiebt sich schon ein Netz gegenseitiger Abhängigkeits-beziehungen zwischen den einzelnen Industriezweigen selbst nachdieser etwas schematisierten Darstellung. In Wirklichkeit ist es einnoch unendlich komplizierterer Prozefs, in dem die Mode zum Lebenund zur Verbreitung gelangt. Denn wenn es auch theoretisch undfür die grofsen Züge der Damenmodeentwicklung richtig ist, dafs