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344 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens.
eigene aussehenden Stock mit elender Blechkrücke für 1 Reichs-mark an u. s. w. Dadurch wird nun aber ein wahres Steeple-chase nach neuen Formen und Stoffen erzeugt. Denn da es einebekannte Eigenart der Mode ist, dafs sie in dem Augenblickihren Wert einbüfst, in dem sie in minderwertiger Ausführungnachgeahmt wird, so zwingt diese unausgesetzte Verallgemeinerungeiner Neuheit diejenigen Schichten der Bevölkerung, die etwas aufsich halten, unausgesetzt auf Abänderungen ihrer Bedarfsartikelzu sinnen. Es entsteht ein wildes Jagen nach ewig neuenFormen, dessen Tempo in dem Mafse rascher wird, als Produktions-und Verkehrstechnik sich vervollkommnen. Kaum ist in derobersten Schicht der Gesellschaft eine Mode aufgetaucht, so ist sieauch schon entwertet dadurch, dafs sie die tiefer stehende Schichtzu der ihrigen ebenfalls macht: ein ununterbrochener Kreislauf be-ständiger Revolutionierung des Geschmacks, des Konsums, derProduktion.
Eine wichtige Rolle in diesem Prozesse, der die innerste Naturder modernen „Moderaserei“ erst zum Verständnis bringt, spielendie modernen grofsen Detailhandelsgeschäfte, namentlich die Grandsmagasins de nouveautds. Eins ihrer beliebtesten Manöver ist es,irgend einen Kleiderstoff oder sonstigen Modeartikel, nachdem dieallererste Hochflut der Nachfrage in den führenden Kreisen derganzen und halben Welt vorüber ist, in grofsen Posten bei denFabrikanten zu bestellen, so dafs sie ihn erheblich billiger beziehen,und ihn dann als Lockartikel zum Selbstkostenpreise abzugeben:die Folge ist, dafs alle Damen, die gern ä la mode sich kleiden odereinrichten möchten, und deren Portemonnaie doch nicht grofs genugdazu ist, es den obersten Zehntausend nachzuthun, nun die Gelegen-heit begierig ergreifen, die „derniere nouveaute“ im Bon Marche oder Louvre en masse zu kaufen, die dann natürlich aufgehört hat,überhaupt noch von „anständigen“ Menschen benutzt werden zukönnen.
Mit dieser letzten Gedankenreihe sind wir aber schon ausdem Kreis der Betrachtungen herausgetreten, denen dieser Ab-schnitt gewidmet war: der Umgestaltung des Konsums, und habenschon hinübergegriffen in den Bereich des nächsten Abschnittes,der die Neugestaltung der Absatzformen zur Darstellung zubringen hat.
Wir nehmen Abschied von dem reizvollen Kapitel, das dem„a la Mode-Teufel“ und der Art gewidmet war, wie er in derGegenwart sein oft genug drolliges Wesen treibt mit der Em-