Siebzehntes Kapitel. Die Mobilisierung des Bedarfs. 343
entscheidende Punkt ist mit alledem noch nicht getroffen; das istvielmehr folgender: Es ist einer der Haupttricks unserer Unter-nehmer, ihre Ware dadurch absatzfähiger zu machen, dafs sie ihrden Schein gröfserer Eleganz, dafs sie ihr vor allem auch das An-sehen derjenigen Gegenstände geben, die dem Konsum einer socialhöheren Schicht der Gesellschaft dienen. Es ist der höchste Stolzdes Kommis, dieselben Hemden wie der reiche Lebemann zu tragen,des Dienstmädchens, dasselbe Jackett wie seine Gnädige anzuhaben,der Fleischersmadame, dieselbe Plüschgarnitur wie Geheimrats zu be-sitzen u. s. w. Ein Zug, der so alt wie die sociale Differenzierungzu sein scheint, ein Streben, das aber noch niemals so vortrefflichhat befriedigt werden können, wie in unserer Zeit, in der dieTechnik keine Schranken mehr für die Kontrefagon kennt, in deres keinen noch so kostbaren Stoff, keine noch so komplizierte Formgiebt, als dafs sie nicht zum Zehntel des ursprünglichen Preisesalsobald in Talmi nachgebildet werden könnten. Nun ziehe mandes weiteren in Betracht das rasend schnelle Tempo, in dem jetztirgend eine neue Mode zur Kenntnis des Herrn Toutlemonde ge-langt: mittels Zeitungen, Modejournalen, aber auch infolge desgesteigerten Reiseverkehrs etc.
Wie mir ein hiesiger Konfektionär klagte: vor ein paar Jahrennoch, wenn da der Reisende mit der neuen Musterkollektion in derkleinen Stadt ankam und seine Koffer auszupacken begann, dasammelte sich ein Kreis staunender Bewunderer um das Mädchenaus der Fremde und ein Ah! nach dem andern entrang sich denLippen der Zuschauer. Jetzt heilst es: „Ja, aber ich bitte — dahabe ich neulich in meinem Journal von der und der neuestenFacon gelesen: die fehlt ja ganz, wie mir’s scheint, in Ihrer Kol-lektion, werter Herr“ . . . Und kaum, dafs die Mode bekannt ge-worden, der lange Damenpaletot in den Gesichtskreis der OstrowoerSchönen getreten ist, so liefert die Konfektion ihn, der eben nochnicht unter 80 Mark zu haben war, „genau denselben“ auch schonfür 30 Mark. Und wenn eben mit Mühe und Not eine Sommer-hemdenfagon für Herren gefunden schien, die nicht jeder Laden-schwengel tragen konnte: die ungestärkten, bunten Oberhemdenmit festen Manchetten, weil sie zu teuer waren, so hängen imnächsten Sommer schon gleichfarbige Vorhemdchen mit ebenfallsweichem Einsatz aus zum Preise für 1 Mark das Stück. Fühltman sich gerade im Besitze eines Spazierstocks mit silbernerKrücke geborgen vor dem nachäffenden vulgus, so preist derbillige Mann schon am nächsten Tage einen ganz genau wie der