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2 (1902) Die Theorie der kapitalistischen Entwicklung : mit Register über Band 1 und 2
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Neunzehntes Kapitel. Der Rückgang des Wanderhandels. 357

haben früher (vgl. Band I S. 96) unterschiedliche Fälle des hausier -mäfsigen Vertriebs gewerblicher Erzeugnisse in einer Epoche kennengelernt, in denen es andere als bäuerliche oder handwerksmäfsige Pro-duktion überhaupt nicht gab. Und durch alle folgende Zeit hindurch,bis in unser Jahrhundert hinein, erfahren wir von Hausiererei mitselbsterzeugter oder von Handwerkern gekaufter Ware.

Unter den Formen vor- und frühkapitalistischen Güterabsatzesaber nimmt der Hausierhandel fast die oberste Stufe ein. Zwar kanner selten, was die Auswahl anbetrifft, weder mit dem sefshaftenDetailhandel noch mit den Jahrmärkten konkurrieren. Aber vonAuswahl ist in jenen Zeiten überhaupt nur in bescheidenemUmfange die Rede. Während auf der anderen Seite der Hausier-handel wesentliche Vorzüge für den Warenproduzenten vor den beidenanderen Handelsformen voraus hatte * 1 . Der Hausierer ist es, der zuerstden Konsumenten angreift; der damit nachfragesteigernd wirkt.Er ist es, der sich den Bedürfnissen, den Zahlungsfähigkeiten desKunden am ehesten anzupassen versteht. Er ist es, der die specifischkaufmännisch-spekulativen Charaktereigenschaften, den ökonomischenRationalismus zuerst auch als Detailleur entwickelt, zumal ihm imLaufe der Jahrhunderte viel jüdische Elemente Zuströmen. Manvergleiche etwa den Hausierer bei Shakespeare, wo er be-kanntlich eine grofse Rolle spielt 2 , mit demjenigen, den in seinerdrolligen Manier der alte Möser schildert 3 , und man wird dieseübereinstimmenden Züge an beiden Typen wieder iinden.

Unter diesen Umständen finden wir es begreiflich, dafs die

Handwerker über den Hausierhandel, die von uns als Quellen der Erkenntnisfür die Ausdehnung und Art der H. H. in früherer Zeit häufig von Wert sind(vgl. z. B. II. 1, 145 f. 413 f.; 2, 62 f.; 4, 206 f. 246 f. 301). Für Österreich vgl. G. von Thaa, Das Hausierwesen in Österreich (1884) S. 51'., und HOe.;für England A. Tille, in den Schriften des Y. f. S.-P. Bd. 83, S. 56 ff.; fürItalien , wo noch heute die Hausiererei wesentlich vorkapitalistische Absatz-form ist, Babbeno-Conigliani, ebenda S. 19 ff.

1 Es ist daher ganz verkehrt, wenn J. G. IIoffmann, Befugnis S. 240 f.zu seiner Zeit den Hausierhandel als eine dem marktmälisigen Warenvertriebeschlechthin inferiore Absatzorganisation bezeichnet und meint,die Fort-dauer des Gewerbebetriebs im Umherziehen auf der Bildungsstufe, worauf sichDeutschland und besonders (!) auch der preufsische Staat befindet, (sei) einemerkwürdige Erscheinung.

2 Die Stellen der Shakespearesclien Dramen, die von den Iedlars handeln,sind bei A. Tille, a. a. 0. S. 60 f. zusammengestellt.

3 A. a. 0. S. 220 f.Kurz, schliefst er seinen Sermon,der Packenträgerist der Modekrämer der Landwirtinnen, und verführt sie zu Dingen, woransie ohne ihn niemals gedacht haben würden.