370 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens.
geblieben waren, fremd jeder spekulativen Sinnesrichtung undalles andere als „Kaufleute“ 1 . Der Grundgedanke, auf dem derDetailhandelskram aufgebaut war, konnte deshalb auch keinanderer sein, als der aller handwerksmäfsigen Thätigkeit, wie wirihn als das beherrschende Wirtschaftsprincip des Mittelalterskennen gelernt haben: dafs der „Kram“ seinen Mann recht
und schlecht ernähren müsse, dafs er eine „Nahrung“ sei, so gutwie das Gewerbe des Gevatter Schneider oder Handschuhmacher 2 .Ein Schriftsteller, der dank seiner reaktionären Gesinnung oft einsehr feines Empfinden für das eigenartige Wesen vorkapitalistischerWirtschaftsformen zeigt, trifft auch hier das Richtige, wenn er vomDetaillisten von Anno dazumal sagt 3 : Der Kleinhändler der altenZeit hatte seine Krämerbank vom Reiche zum Lehen ; er war einBeamter des Reichs wie jeder andere Ministeriale, ein Rad imgrofsen socialen Uhrwerk jener Zeit. Er hatte deshalb auch denSittenkodex des Beamten. Er gehörte einem Reichsstande an, ergehörte zu den „ehrlichen Leuten“, nicht zu den „Freileuten“ (wiehäufig die Hausierer). Es war deshalb unter seiner Würde, zuden Leuten in das Haus zu gehen und sie um Arbeit, um Kaufzu bitten. Er that seine Pflicht als öffentlicher Diener, indem erseinen Kramladen zur Zeit öffnete und schlofs und die ihm zumVerkauf übertragenen Handelsgegenstände in genügender Mengeund guter Beschaffenheit zum obrigkeitlich bestimmten Preise vor-rätig hielt. Wer nicht kam, liefs es eben bleiben, hatte er dochseinen sicheren Markt 4 . Glaubte jemand Klage gegen ihn führenzu müssen, so konnte er ihn beim Rat der Stadt als seiner ordent-lichen Obrigkeit belangen. Sein Gewinn war der wohlerworbene
1 „Billig sollten die Kaufleute überall von den Krämern unterschieden,für sie der erste Rang, für die Krämer aber der unterste nach den Hand-werkern sein. . . . Denn es gehört gewifs sehr wenig Kunst dazu, um hundertPfund Zucker, Kaffee oder Rosinen in Empfang zu nehmen und bei kleinerenTeilen wieder auszuwiegen. Die ganze Buchhaltung besteht hier im Anschreibenund Auslöschen und die ganze Rechenkunst in der armen Regel de Tri. . . .“.T. Möser, Patriot. Pliantas. 2 (1780), 174. 75.
2 Die Hausierer sind . . . „Störer der festen, örtlichen Nahrungen derKrämer“: Art. „Hausierer“ im Ersch und Gr über (1828).
3 Eugen Niibling in H. 1, 443.
4 Das ist noch heute in Ländern mit rückständiger wirtschaftlicher Kulturdie selbstverständliche Auffassung; so wird von Spanien erzählt: „Die Lädensind fast immer geschlossen. Der Spanier ist zu stolz, um auf das Geschäftzu sehen, betrachtet es als hohe Gunst, wenn er die Thüre seines Magazinsöffnet.“ R. Muther , Studien und Kritiken 1 (1900), 337/38. Ähnliche Zuständein Italien, von Rom an südwärts.