Zwanzigstes Kapitel. Die Neuorganisation d. seßhaften Detailhandels . 377
ihn entweder eine höhere Verzinsung des gleichgebliebenen Kapitals(wenn er die Aufschläge auf das einzelne Stück unverändert liefs)oder aber die Möglichkeit, ohne seinen Profit zu schmälern, amAufschlag auf das einzelne Stück abzulassen, also die Ware billigerliefern zu können. Das war das eigentlich Entscheidende. DieseErkenntnis wurde der Ausgangspunkt für die eigentliche Neu-gestaltung der Handelsunternehmung: es war gleichsam „die“ Lösungdes gestellten Problems, und es wurde die Losung für allen mo-dernen Handel: „grofser Umsatz, kleiner Nutzen.“ Aufdas Streben, den Umsatz zu vergröfsern, um dadurch, wenn dasStreben mit Erfolg gekrönt wird, die Konkurrenz durch billigereLieferung aus dem Felde schlagen zu können, auf dieses Strebenlassen sich fast alle grundlegenden Neuerungen im modernenDetailhandel zurückführen, von denen nunmehr die Rede sein wird.
II. Neue Geschäftsformen.
Ich will mich nicht aufhalten mit einer Aufzählung dermassenhaft nachgewiesenen betrügerischen Mafsnahmen,zu denen sich im Drang der Verhältnisse so mancher Händlerunserer Zeit hat verleiten lassen, um sein Geschäft auf Kosten desNachbarn auszuweiten. Sie sind ebenso wie die schwindelhafteReklame eine Kinderkrankheit und heute, zumal seit Verschärfungder Strafbestimmungen, sicher schon im Abnehmen begriffen.Gerade wie der Grofshandel, wie die Industrie eine Periode derkleinen Schmuggeleien und grofsen Betrügereien überall überwindenmufste, so ist auch dem Detailhandel eine derartige Übergangszeitnicht erspart geblieben. Wir können sie hier füglich mit Still-schweigen übergehen h
1 Wer sich für derartige sociale Pathologie interessiert, findet in demS. 358 Anm. 1 genannten Sammelwerk eine überreiche Auslese von denKniffen und Pfiffen, deren sich der Kleinhandel während der Zeit seinerMauser schuldig gemacht hat. Zur weiteren Orientierung dient die reicheLitteratur über den sog. unlauteren Wettbewerb, die Concurrencedeloyale. Ygl. u. a. Jul. Bachem, Der unlautere Wettbewerb im Handelund Gewerbe und dessen Bekämpfung. 1892. P. Dehn, Hinter den Kulissen desmodernen Geschäfts. 1897. W. Stieda, Unlauterer Wettbewerb in den Jahr-büchern für N.Ö. III. F. Bd. XI (1896), S. 74 f. Daselbst auch noch weitereLitteraturangaben. Viel Material über eigenartige Organisationen ganzerSchwindlerbanden — Deutscher in England — enthält das Buch von Rollo-Reuschel, Moderne Raubritter. Enthüllungen über die Schlittenfahrer-schwindler in London . 1895. R. fafst hier jene Artikel zusammen, die ers. Z. in der „Kölnischen Volkszeitung“ veröffentlichte.