Zwanzigstes Kapitel. Die Neuorganisation d. seßhaften Detailhandels . 390
schon heute fast vollständig zur Ausführung in gewissen Waren-häusern minderer Qualität, die sich an die niedrigsten Schichtendes kaufenden Publikums: die „kleinen Leute“ wenden. Ichnenne sie Bazare, zum Unterschiede von den Grofsmagazinen,d. h. Grofswarenhäusern höheren Ranges, wie das Grand Magasinde Noveautes in Paris, wo der sich formierende „wohlhäbigeMittelstand“ kapitalistischer Herkunft das ausschlaggebendePublikumbildet; wo nicht die Proletarierfrau mit dem Marktkorb am Arm,sondern wo die Mondaine und Demimondaine mittlerer Qualitätden Ton angeben, herunter bis zur Offiziers- und Professorenfrau,soweit diese auch schon mit modernen Instinkten erfüllt sind.Zwischen den Extremen, wie sie einerseits etwa der Bon Marche inParis darstellt, wo sich der Deutsche mit seiner bescheidenerenLebensführung wie in ein Luxusgeschäft versetzt vorkommt, wo derDurchschnittsverkaufserlös in der That auch 20 Francs beträgt, wiesie andererseits die Pofelbazare in den Grofsstädten des östlichenDeutschlands repräsentieren, liegt dann eine reiche Skala verschiedenabgestufter Warenhaustypen. Aber alle streben sie doch auch inder Qualität wie in der Zusammenfügung der Branchen dem oberstenGrundsatz moderner Detailhandelsgestaltung gerecht zu werden: dieAnpassung an den Bedarf einer bestimmten Kundschaft zu einerthunlichst vollendeten zu gestalten h
1 Die Litteratur über das Wesen und die Entwicklung der modernenWarenhäuser ist dürftig. Das alle übrigen Erscheinungen noch heute über-ragende Meisterwerk ist Zolas Roman „Au bonheur des dames.“ In derwissenschaftlichen Litteratur nimmt einen Ehrenplatz ein die heute freilichveraltete Schrift Viktor Matajas, Grofsmagazine und Kleinhandel. 1891.Für die französischen Verhältnisse sind ferner zu vergleichen die schongenannten Werke von Coffignon undD’Avenel; ferner P. du Maroussem,Les Magasins tels qu’ils sont in der Revue d’economie politique 1892. Neuer-dings hat der Gegenstand eine umfassende Bearbeitung in einer Pariser Doktor-dissertation gefunden: Henry Garrigues, Les Grands Magasins de Nou-veautes et le petit commerce de detail. 1898.
Noch lückenhafter ist die auf deutsche Verhältnisse bezügliche Litteratur.Der Aufsatz von G. Stresemann , Die Warenhäuser, ihre Entstehung, Ent-wicklung und volkswirtschaftliche Bedeutung (in der Zeitsclir. f. d. ges. Staats-wiss. 56 [1900] 696 ff.) hält nicht, was der pompöse Titel verspricht. ZerstreuteBemerkungen finden sich in der umfangreichen Streitscliriftenlitteratur der letztenJahre, aus der hervorragt: F. C. Huber, Warenhaus und Kleinhandel. 1899.
Einen lehrreichen Blick hinter die Kulissen eines Berliner Grofsmagazinsgestattet die Rechtfertigungsschrift des ehemaligen Direktors des bald nachseiner Begründung verkrachten Kaiser-Bazars: M. Richter, Zur Geschichtedes Kaiserbazar, A.-G. zu Berlin 1889—1892 (1892). Der Kaiser-Bazar war daserste moderne Warenhaus größeren Stils in Berlin .