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Drittes Buch. Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz.
Städten zu bilden begann, waren vornehmlich unter den Ein-wandrern :
1. die ehemals landwirtschaftlichen Arbeiter;
2. die selbständig Erwerb suchenden Weiber.
Uber erstere des längeren zu sprechen erübrigt sich. Die Ein-wanderungsziffern ergeben gewaltige Mengen ländlicher Bevölkerungals neue Siedelungselemente in den Städten, und es bedarf somitnur einer Erinnerung an die Thatsache , dafs jeder Land-bewohner (von den wenigen Landhandwerkern abgesehen) inder Stadt jedenfalls für alle gewerbliche Produktionnur als unqualifizierter Arbeiter inBetracht kommenkann.
Dagegen werden wir einen Augenblick bei der Betrachtung 1der zweiten Gruppe der neuerstandenen Spottpreisarbeiter zu ver-weilen haben: bei der Gruppe der Erwerb suchenden Weiber.Seit langer Zeit weist namentlich die grofsstädtische Entwicklungdie Tendenz auf, einen Überschufs an weiblicher Bevölkerung zuerzeugen; dieser ist zumal in letzter Zeit beträchtlich geworden.So waren beispielsweise in Berlin am 1. Dez. 1900 (Stat. Jahrb.)rund 80000 Frauen mehr als Männer vorhanden: 982346 gegen901805. Frauenüberschufs hatten nach der Zählung vom 2. De-zember 1895 im ganzen 39 Städte , jedoch würde sich diese Zahlbedeutend erhöhen, wenn die Militärbevölkerung aufser Rechnungbliebe. Auf die Gründe dieses Frauenüberschusses, die bekanntsind, ist hier nicht näher einzugehen. Uns interessiert nur dieFrage: giebt es auch einen „socialen“ Frauenüberschufs, undworauf ist dieser zurückzuführen? Was heute das gewaltige Heerder erwerbenden Frauen, d. h. jenen socialen Überschufs bildet,sind vornehmlich:
1. die zu wirtschaftlicher Selbstbestimmung gelangten ledigen,verwitweten, geschiedenen oder eheverlassenen Frauenspersonender proletarischen und kleinbürgerlichen Bevölkerungsschichten;
2. die Ehefrauen und event. Haustöchter der arbeitendenKlasse;
3. die Ehefrauen und Haustöchter immer breiterer Schichten
1 Die Statistik erbringt den Nachweis einer allgemeinen und raschen Zu-nahme der weiblichen Erwerbsthätigkeit, namentlich auf dem Gebiete desHandels und der Industrie. Ygl. die Zusammenstellung der Ziffern im Art.
„Frauenarbeit und Frauenfrage“ (Pierstorff) H. St. 3 2 , 1195 ff. Eine über-sichtliche Zusammenstellung der Ergebnisse von 1882 und 1895 für Deutschland giebt R. Wuttke, Die erwerbsthätigen Frauen im Deutschen Reich. 1897.