Dreißigstes Kapitel. Der Kampf um die Arbeitskraft.
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des Kleinbürgertums bis hinauf in die untere Sphäre des sog. ge-bildeten Mittelstandes.
Die Gründe, weshalb alle diese Elemente auf eigenen Erwerbangewiesen sind, und zwar in erheblich weiterem Umfange als früher,sind ebenfalls im allgemeinen bekannt. Sie stehen im Zusammen-hänge mit der Entwicklung, die dank vor allem der Eigenartgrofsstädtischer Existenzweise 1 die Gestaltung der Haus-wirtschaft genommen hat. Wir wissen, dafs in dem Mafse, wiedie Wohnungsräumlichkeiten infolge der steigenden Grundrente inden Städten zusammengedrängt und die gewerblichen Erzeugnissebillig werden, die Tendenz verstärkt wird, immer mehr Bestand-teile der früheren hauswirtschaftlichen Thätigkeit zum Absterbenzu bringen und damit die Arbeitssphäre der Frau im Haushalteeinzuengen. Was also ehedem im Hause für das Haus von denFrauen erzeugt wurde, mufs jetzt gekauft werden; und die Arbeits-kraft der Frauen, die ehedem sich produktiv im Hause bethätigte,mufs diejenigen Geldsummen zu erwerben trachten, mit denen ihrefrüheren, nun ausfallenden Produktionseffekte erworben werdenkönnen. Diese Entwicklung macht sich zuerst fühlbar für die-jenigen Familienglieder, die einst über den Bestand der Elternund ihrer Kinder hinaus Aufnahme im Hause fanden: alte Tanten,Schwägerinnen u. dgl. Wesen, die nun die Zahl der erwerbendenFrauen als Haushaltungsvorstände vermehren. Dann greift dieEntwicklung hinüber auf die erwachsenen Töchter, zuletzt aufdie Ehefrauen. Bei den mächtig anschwellenden Massen desstädtischen Proletariats aber mufste sich von vornherein der Zu-stand der selbständig erwerbenden Frau als der natürliche ergeben.Denn hier war mit dem Wegfall des kleinen Land- oder Vieh-besitzes, der alle früheren Arbeitsverhältnisse, wie wir sahen,charakterisierte, durch den blofsen Lohnverdienst des Mannes eineviel zu geringe Existenzbasis für eine Familie der Regel nach ge-geben : der Betrag des männlichen Arbeitseinkommens genügteeinerseits nicht, um Unterhalt für Weiber und Kinder mit zubestreiten, und die mit ihm zu führende Wirtschaft war andrerseitszu winzig, um der Frau einen Lebensinhalt zu verschaffen. Wasaber auch in diesen Schichten als mächtiger Hebel zur Beförderung
1 Das eigentliche Feld wenigstens gewerblicher Frauenarbeit sind dieGrofsstädte. Hier machen in Deutschland (1895) von den Erwerbsthätigen dieWeiber 23,6 % gegen nur 19,5% im Durchschnitt des Reiches aus; in Berlin gar 28,5%, in Breslau (Armut der Stadt!) 30,5%. Ygl. Statistik des D. R.N. F. Bd. 107.
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