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2 (1902) Die Theorie der kapitalistischen Entwicklung : mit Register über Band 1 und 2
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Drittes Buch. Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz.

wohlhabenden Schichten anwachsen, die über das Preisniveau desalten Handwerks hinaus zu zahlen vermögen, wird der Boden fürdie kapitalistische Unternehmung, soweit sie Qualitätsware liefert,bereitet.

2. Auch wo die finanzielle Möglichkeit schon heute vorläge,die Leistung der kapitalistischen Unternehmung zu bezahlen, bleibtdem Handwerk sein Bestand gesichert dank der weitverbreitetenUnempfindlichkeit der Kundschaft gegenüber seinenminderwertigen Leistungen. Es ist ja geradezu erstaunlich,bis zu welchem Grade die Langmut des Publikums, insbesondere,scheints mir, des deutschen sich erstreckt, wenn es gilt, die miserablenWaren oder Darbietungen handwerksmäfsiger Produzenten zu er-tragen. Wie langsam wächst erst eine Generation von Leutenheran, die wirklich Empfinden haben für die Ungeheuerlich-keiten, die ihnen ihr Schneider oder Schuster alter Observanzauf den Leib hängen! Wie gänzlich verständnislos ist auch diewohlhabende, sog. gute Gesellschaft vielfach noch heute gegenüberdem, was gutes Backwerk, gutes Fleisch ist. Sie essen Tag aus,

Tag ein unverdrossen denselben Frafs weiter, den ihnen ihr Hand-werker ins Haus liefert. Die Leute, denen es Unbehagen bereitet,

zum Nachtmahl Weifsbrot vom Morgen zu essen, lassen sich f

zählen. Bei wie wenigen ist das Gefühl für Sauberkeit undAccuratesse, von Komfort und Eleganz gar nicht zu reden, soweit entwickelt, dafs es sie ekelt vor den Höhlen unserermeisten grofsstädtischen Frisierstuben. Man sehe sich doch das-selbe Publikum auf Reisen, in den Restaurationen an! Auch hierästhetischer Stumpfsinn und nicht die leiseste Ahnung von dem,was der Kulturmensch von seiner Umgebung fordert. An diesenKulturbarbaren hat das Handwerk vielerorts noch einen ganz vor-trefflichen Rückhalt. Hier bedeutet also Fortschritt in der Civili-sierung des Publikums Umbildung der Existenzbedingungen zuGunsten des Kapitalismus.

3. Eine dritte Hemmung durch Konsumtionseigenarten dürfen

wir in dem Umstande erblicken, dafs das Publikum häufig i

genug dem Handwerker einen teureren Preis bezahlt für diegleiche Leistung, die es im Laden oder in der Fabrik billiger sichverschaffen könnte. Hier profitiert also der Handwerker davon,dafs eine Preisnivellierung verhindert wird. Die mannig-fachen Gründe, die zu diesem Erfolge beitragen können Mifs-trauen, Unkenntnis, Trägheit, Gewöhnung, Anhänglichkeit sindbekannt und ihrer Erörterung sind zahlreiche scharfsinnige Unter-