Fünfunddreifsigtes Kapitel.
Der Traum von den Handwerkergenossenschaften.
Zu den grandiosesten Irrtümern der modernen Nationalökonomiegehört der Wahnglaube, es könne das Handwerk gegenüber derkapitalistischen Unternehmung, „dem Grofsbetriebe“, konkurrenz-fähig erhalten werden durch genossenschaftlichen Zusammenschlufs.Es beruht auf dem Grundgedanken, dafs viele Kleine zusammeneinen Grofsen bilden, und hat als Leitmotiv die Bauernregel, dafsEinigkeit stark mache.
Die Kreuzung zwischen Handwerk und Genossenschaftsidee istspecifisch deutschen Ursprungs. Sie entstand in den 1840 er Jahren,als das deutsche Handwerk als ganzes die ersten empfindlichen Stöfseauszuhalten hatte und doch nicht mehr oder nicht mehr völlig denSchutz der alten Zunftverfassung genofs. „Zwei Übelstände sind esvorzugsweise“, schreibt derjenige Autor, bei dem ich die späterenGedankengänge zuerst in systematischer Ordnung finde 1 , „welcheauf dem kleineren Handwerker heutzutage drückend lasten unddenselben leicht in die geschilderte traurige Lage stürzen . . .Diese beiden Umstände sind: Mangel an Gelegenheit zu vorteil-haftem Absatz (!) und Entbehrung zureichender Geldmittel . . .Soll diesem Übelstande gesteuert werden, so mufs solchen kleinenMeistern Gelegenheit geboten werden, ihre Erzeugnisse schneller
1 Fr. Daei, Uber Association im Gewerbewesen, namentlich Industrie-hallen und gemeinsame Werkstätten in Rau-Hanssens, Archiv für politischeÖkonomie. N. F. ßd. VIII, auch separat erschienen 1848. Die Schrift Daeisscheint keinem der Historiker des deutschen Genossenschaftswesens bekanntgeworden zu sein. Wenigstens finde ich sie weder erwähnt bei H. Crüger ,Die Erwerbs- und Wirtschaftsgenossenschaften in den einzelnen Ländern. 1892,noch bei H. Zeidler, Geschichte des deutschen Genossenschaftswesens. 1898,noch ist sie enthalten in der Übersicht über die ältere Genossenschaftslitteratur,die K. Knies , Der Credit 2 (1879), 288 giebt.