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2 (1902) Die Theorie der kapitalistischen Entwicklung : mit Register über Band 1 und 2
Entstehung
Seite
549
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Fünfunddrcifsigstes Kap. Der Traum v. d. Handwerkergenossenschaften. 540

Sollte man denn aber vom Kredit in irgend einer Formnicht doch eine derartige Transsubstantiation erwarten dürfen?Sieht man nicht täglich, wie durch die Inanspruchnahme desKredits eine ungeheure Ausweitung des Produktionsspielraumsstattfindet? Wie der Produktionskredit thatsächlich die Basis desproduktiven Sachvermögens, sei es bei der Anlage, sei es beidem Betriebe einer Produktions Wirtschaft verbreitern hilft? Wieer vermögenslosen Personen die Unterlage für die gewagtestenUnternehmungen verschafft ? Warum in aller Welt soll der

Kredit nicht auch die kleine Schwäche des Handwerks, seineKapitallosigkeit, mit seiner wunderthätigen Wirkung aus derWelt schaffen können? Das ist offenbar noch heute die Auf-fassung vieler guter Menschen. Und warum sollte sie auch nicht?Ist es doch noch gar nicht so lange her, dafs eine bestimmte Richtungder Nationalökonomie ganz ähnliche Chimären als wissenschaftlicheWahrheiten verkündete. Hat doch ein seiner Zeit gefeierter Ver-treter der nationalökonomischen Wissenschaft, Bruno Hildebrand ,es fertig gebracht, folgende Sätze niederzuschreiben 1 :Es giebt

1 B. Hildebrand, Naturalwirtschaft, Geldwirtschaft und Kreditwirt-schaft in seinen Jahrbüchern. Bd. II (1864), S. 22. Wenn die wissenschaft-liche Nationalökonomie solche Leistungen zu Tage förderte, wie die obencitierte Entgleisung Hildebrands, so darf man sich nicht wundern, wenn inder Laien- und Halblaienwelt die abenteuerlichsten Anschauungen vom Wesendes Kredits sich bildeten, die dann den überschwenglichsten Hoffnungen Nahrunggaben. Um nur ein Beispiel aus der neuen Litteratur vorzuführen: es ist derVorschlag gemacht, sämtliche Handwerksbetriebe auf dem Wege des Kreditsgleichsam inStille Gesellschaften umzuwandeln, d. h. dem Handwerker dienötige Financierung statt mittels kündbarer Darlehen, mittelsEinlagen zubesorgen, die auch dann oder gerade dann nicht herausgezogen würden, wennsich der Handwerksbetrieb nicht rentiert,weil ja die Einlagen des Kapita-listen ebenso sinken, wie der Wert der wirtschaftlichen Anlagen derProduzenten.

Da es nun dem Verkündiger dieses rettenden Gedankens doch unsichererscheint, ob sich unter den angegebenen Bedingungen die notwendige Anzahlvon Kapitalisten finden werde, um das Handwerk wieder flott zu machen, so sollder Staat vermittelnd dazwischen treten.Der Staat benutzt den Kredit, den erals solcher geniefst, um in der Form des festverzinslichen und in vollem Betragejeder Zeit fälligen (!) Darlehens den Kassen Kapital zuzuführen, welche zurUnterstützung der Produktivstände eingerichtet werden; läfst es also nicht inGestalt von Darlehen ausgehen . . ., sondern alsEinlagen . . . Der Staatbleibt also der Socius der Produktion, gleichen Schritt mit derselben haltend,stets zur Seite, bald schnell vorwärtsgehend, bald stillstehend, bald vielleichteinen Schritt zurückgehend; er selbst jedoch leistet seinen Gläubigern einenfesten Zins .. . Weiter kann der absolute Blödsinn wohl nicht auf die Spitzegetrieben werden. Es erscheint mir ein Gebot der Menschenfreundlichkeit, den