Druckschrift 
2 (1902) Die Theorie der kapitalistischen Entwicklung : mit Register über Band 1 und 2
Entstehung
Seite
555
Einzelbild herunterladen
 

Fünfunddreifsigstes Kap. Der Traum v. d. Handwerkergenossenschaften. 555

Diese Ziffern erscheinen auf den ersten Blick geradezuunglaublich: trotz emsigster Agitation abseiten zahlreicher Hand-werkerfreunde, trotz allerhand Beihilfe abseiten der Regierung undihrer Organe, bei der doch handgreiflichen und sonnenklarenNützlichkeit dieser Einrichtungen (wie die theoretischen und prak-tischen Vertreter der Genossenschaftsidee nicht müde werden zu ver-sichern) ist das Ergebnis nach einem halben Jahrhundert so gut wienull. Erst wenn wir dem Schicksal einzelner solcher genossenschaft-lichen Gebilde nachforschen, erst wenn wir den Gründen auf dieSpur zu kommen suchen, die hier den Untergang verschuldet, dortdie gedeihliche Entwicklung aufgehalten haben, vermögen wir eszu begreifen, wie jenes totale Fiasco möglich gewesen ist.

Unsere Quellen bieten ein reiches Material, aus dem sich mitSicherheit ein Urteil über die Existenzbedingungen von Plandwerker-genossenschaften bilden läfst. Fassen wir die Gründe zusammen,die immer wieder für deren Untergang oder mangelhaftes Gedeihenangeführt werden, so ergeben sich neben Indolenz der betreffendenKreise, schlechter Verwaltung der Genossenschaften vornehmlichfolgende zwei:

1. gegenseitiges Mifstrauen der Genossen untereinander unddaraus folgende Streitereien über Bevorzugung u. dergh,

2. Unverträglichkeit, insbesondere der gröfseren,kapital-kräftigen Handwerksbetriebe mit dem Gros der kleinen Normal-und Unternormalmeister, die entweder den Sieg der Kleinen unddamit den Untergang der Genossenschaft, oder den der Grofsen unddamit derenkapitalistische Ausartung im Gefolge gehabt hat.

Das mögen einige beliebig herausgegriffene Belege bestätigen:Gegen eine Verkaufsgenossenschaft sc. der Schmiede in Nakel(Netze) wendet man neben dem Mangel an jedem Anfangskapitalbesonders die Schwierigkeiten der Verwaltung ein. Man befürchteteine Menge von Streitigkeiten über Benachteiligung einzelner Meisterzu Gunsten anderer und sonstige Mifshelligkeit zwischen den Ge-nossen * 1 .

Hauptgrund für die Auflösung einer unter den sächsischenGerbern gegründeten Absatzgenossenschaft für Häute war,dafsdie Leitung in ungeeignete Hände kam. Es hat fast den Anschein,

Land. Über ihre Entwicklung in Österreich-Ungarn berichtet neuerdingsC. Wrabetz, Die Erwerbs- und Wirtschaftsgenossenschaften in Österreich indem SammelwerkDie sociale Verwaltung in Österreich am Ende des 19. Jahr-hunderts. Bd. I. Heft III. 1900. S. 15 ff.

1 U. IV, 246.