Fünfunddreifsigstes Kap. Der Traum v. d. Handwerkergenossenschaften. 559
das Ferment der Genossenschaften, nicht die Ursache, sonderndie Wirkung jener Solidarität ist. Man würde aber ebensodeutlich wahrgenommen haben, dafs unter den Handwerkern jeneVoraussetzungen solidarischen Verhaltens nicht erfüllt sind.Erstens nämlich fehlt ihren Genossenschaften die eklatante Nützlich-keit, die alle andern genannten Kategorien von Genossenschaftenaufweisen. Der Landwirt, der statt vom Wucherer seinen Samenund seinen Dünger jetzt zum halben Preise von der Genossenschaftbezieht, der seine Milch in bequemster Weise zu gleichen Be-dingungen wie der benachbarte Gutsbesitzer an die Molkerei-genossenschaft absetzt, hat ganz andere handgreifliche Vorteilevon der Genossenschaft als der Handverker, der bisher vomGrossisten zu leidlich annehmbaren Bedingungen seine Rohstoffebezog und dessen Erzeugnisse, wenn sie in einer gemeinsamenVerkaufshalle ausgestellt sind, darum noch lange nicht verkauftwerden. Dann aber eignen sich die landwirtschaftlichen Erzeugnisseund Hilfsstoffe, dank ihrer Homogenität und darum Fungibilitäterheblich besser zu gemeinsamem Bezug und Absatz als die ge-werblichen Rohstoffe und Fabrikate. Saatgetreide und Düngereiner bestimmten Marke sind Centner für Centner identisch; Holz,Leder u. s. w. ist von Brett zu Brett, von Haut zu Haut ver-schieden. Uber die Milchanteile an einer Molkereigenossenschaftkann, zumal wenn die Milch nach Gewicht verkauft wird, nie einsolcher Streit entstehen wie über die verschiedene Qualität vonMöbeln oder Stiefeln. Endlich aber und vor allem sind die Land-wirte, dank der eigentümlichen Preisbildung in der Landwirtschaftlängst nicht in dem Mafse Konkurrenten wie die Handwerker.Letztere Eigenschaft, die der Konkurrenten, ist es aber, die mehrals irgend etwas anderes die Genossenschaftlichkeit unter denHandwerkern heutzutage ausschliefst. Dafs auch gewerbliche Pro-duzenten unter Umständen sehr wohl Bezugs- und andere Ge-nossenschaften bilden können, lehrt uns die Geschichte des mittel-alterlichen Gewerbewesens. Wir haben aber gesehen, dafs dessenentscheidende Eigentümlichkeit gerade in dem Fehlen der Konkurrenzberuhte.
Geht man solcherart dem Problem der Genossenschaftshildungauf den Grund, wozu hier nur einige skizzenhafte Fingerzeigegegeben werden konnten, so wird man zu keiner anderen Über-zeugung kommen können als der: dafs das Handwerk unsererZeit dank seiner ökonomischen Wesenheit für jetzt und alle Zu-kunft von den Segnungen genossenschaftlichen Betriebes wird