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2 (1902) Die Theorie der kapitalistischen Entwicklung : mit Register über Band 1 und 2
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558
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558 Drittes Buch. Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz.

handen ist, wie etwa in der Landwirtschaft oder bei den Arbeitern,da beobachten wir auch eine lebhafte Entwicklung der Genossen-schaften. Es gilt also nur, diesen Gemeinschaftsgeist zu pflegen,so werden auch dem Handwerk die Segnungen des Genossen-schaftswesens zu teil werden können. Denn an sich ist eine Ver-einigung von Gewerbetreibenden sogar leichter als die von Land-wirten,wegen ihrer geringeren lokalen Gebundenheit. Voraus-setzung sind nurFortschritte der Eintracht, also auch der Ein-sicht und Selbstbeherrschung h

Von diesem Räsonnement enthält die erste Hälfte eine Tauto-logie (dafs der Mangel an Gemeingeist schuld am Niedergangder meisten Handwerkergenossenschaften ist), die zweite da-gegen eine gefährliche Utopie: der Glaube, dafs dem Übelstandeabzuhelfen sei durcheine gewisse Umstimmung des ganzenMenschen hinsichtlich seines Grundcharakters (Kulemann). DemZweifler drängt sich beim Lesen solcher Worte sofort die Frageauf: wie kommt es denn, dafs in demselben Lande zu gleicherZeit andere Gesellschaftsklassen jene Charakterstimmung schon be-sitzen, die man in dem Handwerkertum erst erzeugen will? Sinddie Bauern, sind die Arbeiter so viel edlere Menschen, dafs sievoll des Gemeingeistes sind, der den Handwerkern mangelt? Undbethätigen diese mit vielen anderen Elementen in unseren Staatennicht bei anderer Gelegenheit recht wohlGemeingeist, beispiels-weise wenn sie Konsumvereine gründen helfen? Hätte man unsnicht seit langem daran gewöhnt, in so grenzenlos oberflächlicherWeise mit derGenossenschaftsidee, wie mit so vielen anderenSchwesterideen zu operieren, dafs man schliefslich in weiten Kreisendie Meinung erzeugte, es handele sich um eine Art von moralischemSerum, das man nur zu injicieren brauche, um die erwünschteHeilwirkung zu erzielen, so würde man sich von vornherein klargemacht haben, dafs sociale Institutionen wie die Genossenschaften,damit sie bestehen können, vor allem auch an bestimmte öko-nomische Voraussetzungen geknüpft sind. Man würde zuder Einsicht gekommen sein, dafs diese ökonomischen Voraus-setzungen nämlich ein Überwiegen der Interessengemeinschaft überdie Interessengegensätzlichkeit in allen Fällen, wo wir Genossen-schaften gedeihen sehen, wie bei den Arbeitern, den Landwirten,den Konsumenten erfüllt sind, dafs hier der gerühmteGemeingeist,

1 Roscher, System BandIII, §113. Ähnlich Kulemann, Kleingewerbe(1895) S. 99/100 und viele andere Autoritäten.