V
Siebermnddrei(sigstes Kapitel.
Die Ausbeutung jugendlicher Arbeitskräfteim Handwerk.
Die mifsbräucbliche Verwendung des Lehrlings ist keine erstin der Gegenwart zu tage getretene Erscheinung 1 . Uber schlechteAusbildung der Lehrlinge, ihre Beschäftigung im Dienste der FrauMeisterin u. dgl. klagen schon die Schriftsteller des späteren Mittel-alters; und im 17. und 18. Jahrhundert beginnen die Klagenimmer häufiger zu werden. Aber die Vernachlässigung und Aus-beutung der Lehrlinge in früherer Zeit waren doch wesensandere,als sie heute sind, heute, d. h. in Deutschland seit knapp einemMenschenalter 1 . Sowohl die starke Verschiebung des numerischenVerhältnisses zwischen der erwachsenen Arbeitskraft und dem sog.Lehrlingspersonal zu ungunsten des letzteren als auch die eigen-tümliche Art der Verwendung charakterisieren die neuere Zeit.
Früher, d. h. während der Zunftverfassung, blieb das Verhältnis
der Lehrlingsziffer zur Zahl der Gesellen und Meiter schon in
deren eigenem Interesse in bestimmten Grenzen; wir hören kaum
jemals, dafs die Zahl der bei einem Meister beschäftigten Lehrlinge
gröfser gewesen sei als die der Gesellen, oder dafs ein Meister mit
mehreren Lehrlingen ohne alle Gesellen gearbeitet habe: Fälle,
die heute an der Tagesordnung sind. Und während ehedem die
Verwendung des Lehrlings als Laufbursche oder Kindermädchen
eher auf einen gewissen Wohlstand des Handwerksmeisters schliefsen ^
liefs, hat heute die Not des Handwerks den Lehrling längst aus ,
der Kinderstube und der Zuchtgewalt der Frau Meisterin an den
Schraubstock und die Hobelbank getrieben, wo der Meister seine
billige Arbeitskraft im Produktionsprozesse ausnutzt.
1 Vgl. hierzu den Exkurs.