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3. Das Wirtschaftsleben im Zeitalter des Hochkapitalismus ; 1 (1927) Die Grundlagen - Der Aufbau
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Erster Abschnitt: Die treibenden Kräfte

hörigen Orte nachgewiesen, wie die Zeitmessung in ihrer exakten Formmittels der modernen Uhren eine Begleiterscheinung des Aufkommensder kapitalistischen Wirtschaft überhaupt ist: siehe den 1. BandSeite 506f. und den 2. Band Seite 127f. dieses Werkes; sowie meinenBourgeois Seite 421. Hier ist nun zu vermerken, daß erst das Zeitalterdes Hochkapitalismus das Uhrenwesen recht zur Entfaltung kommensieht: intensiv, sofern die Uhren auf den höchsten Grad der Vervoll-kommnung gebracht werden, so daß sie Tausendstel Sekunden zu messenvermögen; extensiv, sofern das Bedürfnis, die Zeit genau zu messen sichzu einem allgemeinen ausgeweitet hat: es vollzieht sich kein Akt heutemehr, der nicht der Zeitbestimmung und Zeitbemessung unterworfenwäre und der letzte Arbeiter hält es für notwendig, selbst im Besitzeeines Zeitmeßinstrumentes zu sein, für deren Verbreitung in der Öffent-lichkeit zudem die Behörden oder betriebsame Uhrmacher Sorge tragen.

Andrerseits aber tritt der Drang nach Beschleunigung zutage in demimmer weitere Kreise erfassenden Streben nach Beschleunigung derLebensführung selbst. Man hält es für wichtig, wertvoll, notwendigund richtet danach sein Handeln ein : rasch zu gehen und zu reisen, amliebsten zu fliegen; rasch zu produzieren, zu transportieren, zu konsu-mieren; rasch zu sprechen (Bildung von Wortungeheuern aus den An-fangsbuchstaben mehrerer Worte! Telegrammstil!), rasch zu schreiben(Kurzschrift!). Mit Vorliebe setzt man das WortSchnell vor alle mög-lichen Vorgänge und Vornahmen: Schnellzug, Schnelldampfer, Schnell-presse, Schnellbleiche, Schnellphotographie.

In welche ganz eigentümliche Vorstellungswelt uns dieser Be-schleunigungsdrang versetzt hat, dessen werden wir uns meist erst be-wußt, wenn wir unser Zeitalter mit andern Zeitaltern, unsere Kulturmit andern Kulturen in Vergleich setzen: etwa mit dem Zeitbewußtseinder Naturvölker oder auch der früheren europäischen Kulturzeitalter,des Mittelalters und noch des frühkapitalistischen, in dem, wie ichseinerzeit ausgeführt habe, insbesondere das Wirtschaftsleben sichnoch in einem langsamen, gemächlichen Tempo abspielte, so daß einscharfer Beobachter noch im 18. Jahrhundert die Bemerkung machenkonnte: in Paris laufe man, weil so viele Müßiggänger auf der Straßeseien, in Lyon aber gehe man gemessenen Schrittes, weil die Leute hierallezu tun hätten. Aber auch im Vergleich mit den außereuropäischenKulturen, wie sie noch heute bestehen, erscheint die unsrige deutlichals eine hastige, eilende, unruhige. Im Orient brauchen alle ArbeitenZeit: Seide, Tee, Lack, Stickerei, Teppiche. Dort malt man die Schrift,