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3. Das Wirtschaftsleben im Zeitalter des Hochkapitalismus ; 1 (1927) Die Grundlagen - Der Aufbau
Entstehung
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Drittes Kapitel: Die Entfaltung der wirtschaftlichen Energie 31

Geboten und Verboten, daß von einer freien, das beißt rücksichtslosenEntfaltung des Erwerbsstrebens keine Rede sein konnte. Erst mit demWegfall der religiösen Bindungen wurde diese möglich. Heute ist derGrundzug alles wirtschaftlichen Verhaltensdie Skrupellosigkeit, undsie verträgt sich schlecht mit irgendeinem Religionssystem, das aussich auch der bürgerlichen Moral die Richtlinien vorschreibt.

Daß mit dieser allgemeinen Entfesselung des kapitalistischen Geistesauch dieunsoliden Machenschaften, selbst die Gesetzesbeugungenebenso wie die Zahl der auch im Sinne der bürgerlichen Moral nichteinwandfreien Wirtschaftssubjekte eine Vermehrung erfahren haben,ist selbstverständlich. Unsinn ist es aber, wie es von manchem Historikerdes kapitalistischen Zeitalters geschieht (in abschreckender Weisearbeitet Myers in seiner Geschichte der großen amerikanischen Ver-mögen mit diesem Mittel) nun den gesamten modernen Kapitalismusals einen Ausfluß verbrechischer Handlungen zu schildern. Daß er dasnicht ist und nicht zu sein brauchte: dafür sorgte schon, wie im folgendenAbschnitt zu zeigen sein wird, der moderne Gesetzgeber, der in seinenGesetzen einen so weiten Spielraum für die freie Betätigung des kapita-listischen Wesens schuf, daß dieses meist nicht nötig hatte, auch nochdie wenigen Gesetze, die ihm Schranken auferlegten, zu übertreten.

Wir haben uns die Entfaltung des kapitalistischen Geistes und da-mit die Steigerung der wirtschaftlichen Energie als einen Prozeß vor-zustellen, in dessen Verlauf durch eine stete Wechselwirkung zwischeninnerer Entwicklung und äußeren Einflüssen immer neue Seiten jenesGeistes sich ausbreiten, immer neue Quellen der Kraft erschlossenwerden. Diese äußeren Einflüsse, denen wir nunmehr nach ihrer positivenSeite hin unser Augenmerk zuzuwenden haben, können wir uns ambesten als Reize vorstellen, die auf das Seelenleben der Wirtschafts-subjekte einwirken und die zu Anreizen für eine weitere Häufung undAuswirkung der in diesen schlummernden Energien werden. DieseReize sind doppelter Natur: sie erscheinen einerseits als Hemmungen,die sich dem Handeln entgegenstellen, die aber von dem Handelndenüberwunden werden durch einen größeren Kraftaufwand, als er ohnedas Dazwischentreten dieser Hemmungen zu machen gehabt hätte,andererseits als Förderungen des Verhaltens der Wirtschaftssubjekte.Wir nennen jene negative, diese positive Anreize.

2. Die negativen Anreiz e sind gemeinsam dadurch gekennzeichnet,daß sie eine Erschwerung der Wirtschaftsführung bedeuten, der zum