Sechstes Kapitel
Die äußere Wirtschaftspolitik
I. Die Episode des Freihandels
Der moderne Staat, so haben wir feststellen können: siehe das21. bis 28. Kapitel des ersten Bandes dieses Werkes, ist als Macht-gemeinschaft in die Erscheinung getreten: er erkannte keine Recht-setzende Gewalt außer sich, aber auch keine sein Verhalten bestimmendeNorm an. Er war ein eigenwilliges Machtzentrum. Als solches hat ersich in der Form des absoluten, in England schon konstitutionellenStaates, vom 15. bis zum 18. Jahrhundert entwickelt.
Die Wirtschaftspolitik dieses Staates, sahen wir gleichfalls, wareindeutig durch seine Interessen bestimmt. Der Staat setzte seineganze Macht zugunsten der kräftigsten Wirtschaftsformen ein undvertrat seine Untertanen nach außen hin rücksichtslos. Macht undWirtschaft sind im merkantilistischen Zeitalter eine unzertrennlicheEinheit. Es gilt der Satz: soviel Macht, soviel Wirtschaft.
Deshalb in der äußeren Politik: Niederkämpfung aller entgegen-stehenden Mächte mit allen Mitteln der List und Gewalt.
Anlegung überseeischer Kolonien durch Spanier, Portugiesen, Fran-zosen, Holländer, Engländer auf der Grundlage unbekümmertenLänder- und Menschenraubs.
Durchsetzung der Interessen gegenüber den konkurrierenden Staatenmittels brutaler Zolltarife, brutaler Schiffahrtsgesetze, letzten Endesmittels Waffengewalt.
Bei all diesen Maßnahmen war das Leitmotiv: das Staatsinteresse,„die Staatsräson“, der sacro egoismo des Staates (nachdem vielleichtnoch die Spanier, auf denen als letzten ein Abglanz des Mittelaltersgelegen hat, von der Idee eines Kampfes für das Christentum bei ihrenUnternehmungen mitbestimmt worden waren).
Dieses alles schien sich ändern zu wollen mit dem Beginn derRevolutionskriege, denn diese wurden ja wieder im Namen einer Ideegeführt. Und auch Napoleon erklärte sich zum Sachwalter einer Idee:der Idee Europa. Und wiederum die Mittel- und Ostmächte stelltensich ihm im Namen einer andern Idee: der der Legitimität entgegen.